Wirtschaftliche Triebkräfte von Rüstung und Krieg

Alle Kriege, zumindest in unseren Zeiten, sind letztlich als Wahnsinn anzusehen. Wie aber kommt es heute noch zu solchen barbarischen Auseinandersetzungen in einer sich als zivilisiert bezeichnenden Welt?

Alwine Schreiber-Martens mit einer Kurzfassung des Textes "Wirtschaftliche Triebkräfte von Rüstung und Krieg" von Helmut Creutz.


Humanisten und Aufklärer formulierten einst die große Hoffnung, dass durch den technischen Fortschritt alle Menschen zu Wohlstand gelangen und im "ewigen Frieden" (Kant) miteinander leben könnten. Die Klassiker des Liberalismus entwickelten die dazu passende Vorstellung freier Märkte, die einen friedlichen Ausgleich ökonomischer Interessen zwischen den Individuen ermöglichen könnten. Wie kommt es dann heute immer noch zu solch barbarischen Auseinandersetzungen in einer sich als zivilisiert bezeichnenden Welt?

Geht man dieser Frage nach, dann zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen kriegerischen Auseinandersetzungen jeder Art und bestimmten ökonomischen und monetären Fehlentwicklungen. Es ist zu erkennen, dass im Modell einer Marktwirtschaft von Adam Smith und den anderen liberalen Klassikern nicht betont wurde, dass alle Menschen ein Recht auf gleiche Teilhabe am Boden, an der Erde überhaupt haben. Und indem sie das Geld als ein bloß neutrales Tauschmittel betrachteten, übersahen sie die strukturelle Macht des Geldes.

Während sich daher in immer weniger Händen konzentriert große Geld- und Sachkapitalvermögen akkumulieren, wiederholen sich immer wieder Krisen und Konjunktureinbrüche. Solche Einbrüche gibt es vor allem dann, wenn sich während der Konjunkturphasen so viel Kapital gebildet hat, dass sich seine Verwertungsmöglichkeiten verschlechtern. Auf diesen Zusammenhang weist bereits ein Artikel des Sparkassenverbandes aus dem Jahr 1891 hin: "Die Ursache für das Sinken des Zinsfußes wird vorzüglich darin gefunden, daß die besonders rentablen Kapitalanlagen großen Maßstabes heute erschöpft sind und nur Unternehmungen von geringer Ergiebigkeit übrig bleiben." Und um den damals auf drei Prozent gesunkenen Zinssatz vor einem weiteren Fall zu bewahren, müßten – so hieß es weiter – "... die neuen Länder, beispielsweise Afrika, sehr rasch durch europäische Kapitalien erschlossen werden, damit einem solchen Sinken begegnet werde." Da aber auch diese Investitionen nicht reichen würden, schließt der Artikel mit folgender Aussage: "Nur ein allgemeiner europäischer Krieg könnte dieser Entwicklung Halt gebieten durch die ungeheure Kapitalzerstörung, welche er bedeutet."

Auf die Zusammenhänge zwischen Krieg und Kapitalrentabilität hat auch der große irische Dichter George Bernhard Shaw während des Zweiten Weltkriegs aufmerksam gemacht: "Ich verabscheue den Krieg und sehe keinen Unterschied an Grauenhaftigkeit zwischen den Bombardierungen Londons, Neapels und Kölns. Sie alle sind abscheulich .... Damit stehe ich nicht allein. Alle Kapitalisten, die ich kenne, hassen den Krieg genau so .... Anzunehmen, dass einer von uns wohlüberlegt ein angezündetes Streichholz in ein Pulvermagazin schleudern würde, damit der Zinssatz um zwei oder drei Prozent steigt, stände in krassestem Widerspruch zur Natur des Menschen und zu den nackten Tatsachen ... Und trotzdem folgt auf zweieinhalb Prozent mit der gleichen Gewißheit Krieg, wie die Nacht dem Tag folgt."

Der britische Ökonom John Maynard Keynes hat die Zusammenhänge ungefähr so beschrieben: Ständig vermehrte Investitionen im zivilen Bereich gefährden das ‚Gleichgewicht‘ d.h. die Rentabilität der bereits getätigten Investitionen. ‚Sinnlose Bauten‘ dagegen tun dies nicht und gewinnen genau daraus ihren Sinn, mit seinen Worten: “zwei Pyramiden, zwei Steinhaufen für Tote sind doppelt so gut wie einer, aber nicht zwei Eisenbahnen von London nach York."

In der wissenschaftlichen Literatur gibt es für den Vorgang der Kapitalvernichtung den Begriff "Reinigungskrise zur Beseitigung von Überinvestitionen". Gemeint ist mit “Überinvestition” der Zustand, bei dem der Investitionsumfang so groß geworden ist, dass er den Zins unter jene Grenze drückt, bei der es zu Geldzurückhaltungen und damit deflationären Rezessionen kommt. Auch ohne Krieg und ohne Rüstung werden in solchen Rezessionen durch Unternehmens- und Privatbankrotte, durch Verschleudern oder Verderben von "Überproduktionen" bereits Vermögenswerte aus dem Verkehr gezogen. Mit dieser "Reinigung" – sprich Kapitalvernichtung – wird dann wieder eine ausreichende Knappheit erzeugt, die über höhere Zinsen das Kapital wieder aktiv werden läßt.

Durch ständiges Wachstum, aber auch durch Ausweitung marktferner Investitionen wie Raumfahrt und Rüstung, wird die Notwendigkeit solcher “Reinigungskrisen” eine Zeitlang hinausgeschoben. Die Regierungen ergreifen diese Massnahmen, da der Beginn einer Deflationsspirale von den Regierungen zurecht sehr gefürchtet wird. Diese Deflationsspirale kommt genau dadurch in Gang, dass sich (Geld)Kapital vom Markt zurückziehen kann und dies bei nicht hinreichend attraktiver Rentabilität auch tut! Statt also das Kapital mit geldpolitischen Mitteln zu veranlassen, sich auch zu niedrigeren Zinsen zur Verfügung zu stellen, sorgen die Regierungen für die Knappheit des Kapitals, um den Rückzug vom Markt zu vermeiden.

Ist deshalb der Ruf nach Umschichtung staatlicher Mittel hin zu zivilen Zwecken erfolglos, obwohl die Menschen weltweit dies fordern und die Mangelsituation in weiten Bereichen des zivilen Lebens offensichtlich ist? Erscheinen daher die Rufe nach Gewaltfreiheit als naiv, wo doch die Polarisierung zwischen Reich und Arm, die Ungerechtigkeit im Zugang zu den Ressourcen dieser Erde dramatisch ist? Kann man der deflatorischen Gefahr fallender Zinsen durch strukturelle Reformen des Geldwesens begegnen?

Es ist dringend erforderlich, dass darüber nachgedacht wird,
1. mit welchen Methoden allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe am Boden und allen Lebensgrundlagen verschafft und gesichert werden kann;
2. wie das Geld so umgestaltet werden kann, dass aus einem strukturellen Machtmittel ein neutrales Tauschmittel wird.

Keynes sprach in diesem Zusammenhang von einem großen "Gezeitenwechsel”, von einem durchaus realisierbaren Modell. Sowohl auf nationalstaatlicher als auch auf internationaler Ebene kann der Umgang des Menschen mit dem Boden und mit dem Geld neu geregelt werden. Der Boden, die Ressourcen und die Atmosphäre sind Gemeingüter, deren private Nutzung gegen Gebühren ähnlich einer Pachtzahlung möglich ist. Der Ertrag wiederum wird an alle Menschen gleichermaßen zurück verteilt. Dadurch ist die “durchschnittliche” Nutzung aufkommensneutral. Das Geld wird von einem zerstörerischen Beherrscher der Märkte zu ihrem Diener. Es bedarf dazu nicht des Rückgriffs auf die Moral des Menschen, sondern einer intelligenten Änderung des Geldmechanismus und einer Unterscheidung von Nutzungsrechten und Besitz am Boden.

Selbstverständlich benötigt dieses Nachdenken über Reformen und ihre Durchsetzung eine demokratische Kultur und die Mitwirkung vieler Menschen.


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