gefunden: www.geldreform.de
Auszug aus:
Margrit Kennedy: Geld ohne Zinsen und Inflation
Ein Tauschmittel, das jedem dient
Wilhelm Goldmann Verlag, München 1994
ISBN 3-442-12341-0
DM 14,90

(Stand: 3.4.1996)


KAPITEL 1: VIER GRUNDSÄTZLICHE MISSVERSTÄNDNISSE BEZÜGLICH DER FUNKTION DES GELDES

Tag für Tag benutzt fast jeder Mensch auf diesem Planeten Geld. Die meisten verdienen Geld durch ihre Arbeit und geben es aus
für Güter, die sie brauchen. Dennoch verstehen sehr wenige Menschen genau, wie Geld funktioniert und wie es ihr Leben direkt
oder indirekt beeinflußt. Sehen wir uns zuerst die positive Seite des Phänomens an: Weil Geld den Austausch von Gütern und
Dienstleistungen enorm erleichtert und damit die Begrenzungen des direkten Austausches von Gütern und Dienstleistungen in
einer arbeitsteiligen Wirtschaft überwindet, ist es eine der genialsten Erfindungen der Menschheit. Würden Sie beispielsweise
in einem Dorf leben, wo es nur Tauschhandel gäbe und dort ein Kunstwerk produzieren, das lediglich den Beerdigungsunternehmer
interessiert, so könnten Sie für Ihr Kunstwerk nur Särge eintauschen und müßten bald die Kunst aufgeben. Geld schafft also M
öglichkeiten zur Spezialisierung und ist damit die Grundlage jeder Zivilisation.

Das Problem besteht nun darin, daß Geld nicht nur dem Austausch von Gütern und Dienstleistungen dient, sondern diesen ebenso
behindern kann, wenn es gehortet bzw. nicht weitergegeben wird. Damit wird eine Art "privater Zollstation" geschaffen, an der
jene, die weniger Geld haben als sie benötigen, denjenigen eine Abgabe bezahlen, die davon mehr haben als sie brauchen. Ist
dies ein faires Geschäft? Keineswegs. Tatsächlich könnte man unser gegenwärtiges Geldsystem, wie ich später zeigen werde, als
verfassungswidrig in allen demokratischen Nationen bezeichnen.

Um dies zu erklären, muß ich vier Mißverständnisse zum Thema Geld näher beschreiben. Natürlich sind diese vier nicht die
einzigen Mißverständnisse. Unsere Vorstellungen über Geld sind ein recht exakter Spiegel des Abbilds der Welt in uns, und
diese Bilder sind so vielfältig wie die Menschen auf diesem Planeten. Trotzdem sind die nachfolgend besprochenen vier Irrtü
mer, die Haupthindernisse für ein Verständnis des Konstruktionsfehlers im gegenwärtigen Geldsystem, und sie sind gleichzeitig
wichtig, um zu erkennen, welche Möglichkeiten ein neues Geldsystem bieten kann.

MIßVERSTÄNDNIS NR. 1: ES GIBT NUR EINE ART VON WACHSTUM.

Wir neigen zu der Vorstellung, daß es nur eine Art von Wachstum gibt, nämlich die Art, die wir an uns selbst erleben. Darü
berhinaus gibt es jedoch andere, mit denen wir weniger vertraut sind.

Kurve a zeigt in vereinfachter Form das Wachstumsverhalten in der Natur, dem sowohl unser Körper folgt als auch
Pflanzen und Tiere. Wir wachsen recht schnell in den frühen Phasen unseres Lebens, dann langsamer und hören gewöhnlich mit
dem körperlichen Wachstum nach dem 21sten Lebensjahr auf. Ab diesem Zeitpunkt, also die längste Zeit unseres Lebens, verä
ndern wir uns - "qualitativ" - statt "quantitativ", deshalb möchte ich diese Kurve als "qualitative" Wachstumskurve
bezeichnen. Nun gibt es jedoch, wie Abbildung 1 zeigt, zwei weitere grundlegend unterschiedliche Wachstumsmuster:
Kurve b zeigt das mechanische oder "lineare" Wachstum: d.h. mehr Maschinen produzieren mehr Güter, mehr Kohle produziert mehr
Energie usw. Dieses ist für unsere Analyse von geringerer Bedeutung.

Wichtig hingegen ist das Verständnis von Kurve c, das sogenannte exponentielle Wachstum, welches man als das genaue Gegenteil
zu Kurve a bezeichnen könnte. In Kurve c ist das Wachstum anfangs sehr gering, steigt dann aber kontinuierlich an und geht
schließlich in fast senkrechtes quantitatives Wachstum über. In der physischen Welt geschieht ein solches Wachstum gewöhnlich
dort, wo wir Krankheit oder Tod finden. Krebs z.B. folgt einem exponentiellen Wachstumsmuster. Zuerst wächst er langsam. Aus
einer Zelle werden 2, daraus 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 612 usw. Er wächst also ständig schneller, und wenn man die
Krankheit schließlich entdeckt, hat sie bereits eine Wachstumsphase erreicht, in der sie oft nicht mehr gebremst werden kann.
Exponentielles Wachstum endet gewöhnlich mit dem Tod des "Gastes" und des Organismus" von dem er abhängt. Deshalb ist das
Unverständnis dieses Wachstums die folgenschwerste Fehlvorstellung im Hinblick auf die Funktion des Geldes. Mit Zins und
Zinseszins verdoppeln sich Geldvermögen in regelmäßigen Zeitabständen, d.h. sie folgen einem exponentiellen
Wachstumsverhalten, und das erklärt, warum wir in der Vergangenheit in regelmäßigen Zeitabschnitten und auch gegenwärtig
wieder mit unserem Geldsystem Schwierigkeiten haben. Tatsächlich verhält sich der Zins wie ein Krebs in unserer sozialen
Struktur.

Abbildung 2 zeigt die Zeitperiode, die nötig ist, damit sich das Geld, das angelegt wird, verdoppelt: bei 3% brauchen wir mit
Zins und Zinseszins 24 Jahre, bei 6% 12 Jahre, bei 12% 6 Jahre.
Selbst bei l% erfolgt mit Zins und Zinseszins eine exponentielle Wachstumskurve mit einer Verdoppelungszeit von ungefähr 70
Jahren.

Durch unser eigenes körperliches Wachstum haben wir nur jenes Wachstumsverhalten der Natur kennengelernt, das bei der
optimalen Größe aufhört (Kurve a). Deshalb ist es für die meisten Menschen schwer zu verstehen, was exponentielles Wachstum
im materiellen Bereich wirklich bedeutet. Wir haben eine andere biologische Erfahrung. Das exponentielle Wachstum müssen wir
über den Kopf bewußt verstehen lernen.

Diese Verständnisschwierigkeit läßt sich durch die berühmte Geschichte des persischen Kaisers verdeutlichen, der so
begeistert von dem neuen Schachspiel war, daß er dem Erfinder jeglichen Wunsch erfüllen wollte. Der kluge Mathematiker
entschied sich, ein Exempel zu statuieren. Er bat um ein Getreidekorn auf dem ersten Quadrat des Schachfeldes und um die
Verdoppelung dieser Menge für das jeweils nachfolgende Quadrat des Schachfeldes. Der Kaiser, der zunächst froh über solche
Bescheidenheit war, mußte bald feststellen, daß in seinem gesamten Reich nicht genügend Getreide vorhanden war, um diesen "
bescheidenen" Wunsch zu erfüllen. Wer einen Computer besitzt, kann die benötigte Menge berechnen: 440 Welt-Getreideernten
waren es 1985.


Ähnlich eindrucksvoll beweist die folgende Analogie die Unmöglichkeit eines andauernden exponentiellen Wachstums: Hätte
jemand einen Pfennig mit 4% Zinsen zur Geburt Christi investiert, so hätte er damit im Jahr 1750 eine Kugel aus Gold vom
Gewicht der Erde kaufen können. 1990 hätte er bereits den Gegenwert von 890 solcher Kugeln erreicht. Bei einem Zins von 5% h
ätte man bereits im Jahr 1403 eine dieser Kugeln kaufen können, und 1990 hätte die Kaufkraft 2200 Milliarden Goldkugeln vom
Gewicht der Erde entsprochen.
Das Beispiel zeigt den Unterschied, der bereits durch l% Zins über eine längere Zeitperiode bewirkt wird. Weiterhin beweist
es, daß die andauernde und langfristige Zahlung von Zins und Zinseszins mathematisch nachweisbar praktisch unmöglich ist. Die
bisherige ökonomische Notwendigkeit und die mathematische Unmöglichkeit befinden sich in einem Widerspruch, der nicht zu lö
sen ist. Wie dieser Mechanismus zur Akkumulation von Kapital in den Händen von zunehmend weniger Menschen führt (und damit in
der Vergangenheit zu unzähligen Fehden, Kriegen und Revolutionen geführt hat), wird unter "Mißverständnis 3" gezeigt. Heute
ist der Zinsmechanismus eine Hauptursache für den pathologischen Wachstumszwang der Wirtschaft mit allen bekannten Folgen der
Umweltzerstörung.
Die Lösung der Probleme, die durch exponentielles Wachstum des Geldes durch den Zins hervorgerufen werden, liegt darin, ein
Geldsystem zu erschaffen, das der qualitativen Wachstumskurve folgt. Dies erfordert, die Zinsen durch einen anderen
Mechanismus zu ersetzen, der den Geldumlauf sichert. In Kapitel 2 werden die damit verbundenen Veränderungen geschildert.

 

MIßVERSTÄNDNIS NR. 2: ZINSEN ZAHLEN WIR NUR DANN, WENN WIR UNS GELD LEIHEN.

Ein weiterer Grund für die Schwierigkeit, das Wirken des Zinsmechanismus auf unser Geldsystem vollständig zu verstehen, liegt
darin, daß er zu einem Teil verdeckt wirkt. Die meisten Menschen glauben, daß sie Zinsen nur dann bezahlen, wenn sie Geld
borgen und daß sie nur das Geldborgen vermeiden müssen, wenn sie keine Zinsen zahlen wollen.

Abbildung 3 zeigt, daß dem nicht so ist, denn in jedem Preis, den wir bezahlen, sind Zinsanteile enthalten. Das sind die
Zinsen, die die Produzenten von Gütern und Dienstleistungen der Bank zahlen müssen, um Maschinen, Gebäude usw. anschaffen zu
können oder die Zinsen, die sie für ihr Eigenkapital bekämen, wenn sie es der Bank als Spareinlage oder zur sonstigen Anlage
überlassen würden. Der Anteil schwankt bei den Gütern und Dienstleistungen, die wir kaufen, entsprechend der Höhe des
jeweiligen Kapitaleinsatzes. Einige Beispiele aus dem öffentlichen Bereich, also von Preisen, die wir alle bezahlen, zeigen
diesen Unterschied klar auf. Der Anteil der Zins- (= Kapital)kosten in den Müllabfuhrgebühren beträgt ungefähr 12%. Hier ist
der Zinsanteil relativ niedrig, da die Lohnkosten preisbeherrschend sind. Dies ändert sich beim Trinkwasser- und
Abwasserpreis, bei dem die Anteile der Zinskosten bereits 38% bzw. 47% betragen. In der Kostenmiete im sozialen Wohnungsbau
beträgt der Anteil sogar 77%. Das heißt, wir zahlen unser Haus über 20-30 jahre nicht einmal sondern viermal ab.
Im Durchschnitt bezahlen wir 30%-50% Zinsen oder Kapitalkosten in den Preisen für Güter und Dienstleistungen, die wir zum tä
glichen Leben brauchen. Könnten wir also den Zins abschaffen und ihn durch einen besseren Mechanismus ersetzen, der das Geld
in Umlauf hält, dann wären theoretisch die meisten von uns mindestens um die Hälfte reicher, oder sie müßten höchstens zwei
Drittel der Zeit arbeiten, um ihren derzeitigen Lebensstandard zu erhalten.



 

MIßVERSTÄNDNIS NR. 3: DAS GEGENWÄRTIGE GELDSYSTEM DIENT ALLEN GLEICHERMAßEN.

Eine dritte Fehlvorstellung über unser Geldsystem könnte so formuliert werden: Weil jede/r Zinsen bezahlen muß, wenn er/sie
sich Geld leiht und Güter oder Dienstleistungen kauft und weil jede/r Zinsen bekommt, wenn er/sie Geld spart, geht es uns
allen gleichermaßen gut (oder schlecht) mit dem gegenwärtigen Geldsystem.

Auch dies stimmt nicht. In der Tat besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen denjenigen, die in diesem System gewinnen und
denjenigen, die bezahlen. Abbildung 4 zeigt einen Vergleich zwischen Zinszahlungen und Einkommen aus Zinsen bei 10 zahlenmäß
ig gleichen Bevölkerungsanteilen in der Bundesrepublik. Es zeigt sich, daß die ersten 80% der Bevölkerung mehr Zinsen
bezahlen als sie erhalten, 10% erhalten etwas mehr als sie bezahlen und die letzten 10% erhalten etwa doppelt soviel Zinsen
wie sie bezahlen. Das ist zusammengenommen genau der Teil, den die ersten 80% der Bevölkerung verloren haben. Dies erklärt
vorbildlich einfach einen Mechanismus, vielleicht den wichtigsten, der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer
werden läßt.

Wenn wir uns die letzten 10% der Bevölkerung etwas genauer ansehen bezüglich ihres Einkommens aus Zinsen, so tritt erneut das
Phänomen des exponentiellen Wachstums zutage. Für die letzten l% der Bevölkerung müßte die Säule für das Einkommen aus Zinsen
etwa um das 5-fache erhöht werden, für die letzten 0,1% um mehr als das 20-fache und für die 82 Milliardärsfamilien in
unserem Lande (nach der Untersuchung des Wirtschaftsmagazins Forbes im Juli 90) um das 2000-fache. Bei einer 6prozentigen
Verzinsung wird diese letzte Gruppe täglich um rund 32 Millionen DM reicher, was dem Nettoverdienst von 438.000 Arbeitnehmern
entspricht.
Wir haben also mit dem Zins als Umlaufsicherung in unserem gegenwärtigen Geldsystem eine versteckte Umverteilung von Geld,
welche nicht auf Leistung beruht, sondern darauf, daß jemand die freie Marktwirtschaft, d.h. den Austausch von Waren und
Dienstleistungen, durch Zurückhalten des Austauschmittels behindern kann und für diese Behinderung auch noch belohnt wird.
Und so wird ironischerweise ständig Geld verschoben, von denjenigen, die weniger Geld haben als sie brauchen, zu denen, die
mehr Geld haben als sie benötigen. Dies ist eine andere und eine weit subtilere und effektivere Form der Ausbeutung als
diejenige, die Marx zu beheben versuchte. Fraglos hatte er Recht, auf die Quelle des Mehrwertes in der Produktionssphäre
hinzuweisen. Das ist genau genommen der einzige Bereich, in dem mehr Wert erzeugt werden kann. Die Verteilung des Mehrwertes
jedoch geschieht zu einem sehr großen Umfang in der Zirkulationssphäre von Geld und Waren, ja in immer größeren Umfang
ausschließlich in der Geldsphäre. Heute, am Ende einer langen wirtschaftlichen Wachstumsphase und der Lösung des Geldes vom
Goldstandard, kann man das sehr viel klarer erkennen als Marx zu seiner Zeit. Das Ende wird dadurch gekennzeichnet, daß sich
immer größere Beträge von Geld in den Händen von immer weniger Individuen oder Firmen konzentrieren. Seit 1980 hat sich der
Gewinn aus der weltweiten Geldspekulation mehr als verdoppelt. Allein in New York hat sich der tägliche Austausch von Wä
hrungen zwischen 1980 und 1986 von 18 Billionen Dollar auf 50 Billionen Dollar vermehrt. Die Weltbank schätzt, daß
Geldtransaktionen weltweit etwa das 15-20fache dessen betragen, was für den Welthandel, d.h. für den Austausch von Waren,
tatsächlich erforderlich ist.
Der Mechanismus von Zins und Zinseszins erzeugt nicht nur den Antrieb für ein pathologisches Wirtschafts- und
Geldmengenwachstum, sondern arbeitet auch, wie Dieter Suhr aufgezeigt hat, gegen die verfassungsmäßigen Rechte der Individuen
in den meisten Ländern. Wenn eine Verfassung gleichen Zugang der Individuen zu allen Dienstleistungen der Regierung
garantiert - und das Geldsystem kann als solche aufgefaßt werden - dann ist es illegal, wenn in diesem System 10% der Bevö
lkerung aus dieser Dienstleistung ständig mehr erhalten als sie bezahlen und das auf Kosten von 80% der Bevölkerung, die
entsprechend weniger erhalten als sie dafür bezahlen.
Es könnte so aussehen, als ob eine Änderung in unserem Geldsystem "nur" 80% der Bevölkerung dienen würde, also denen, die
gegenwärtig mehr Zinsen bezahlen, als sie zurückbekommen. Dennoch würde, wie ich in Kapitel 3 aufzeigen werde, jeder von
dieser Lösung profitieren, langfristig selbst jene, die aus dem krankhaften System, welches wir jetzt haben, Vorteile ziehen.

 

MIßVERSTÄNDNIS NR. 4: INFLATION IST EIN INTEGRALER BESTANDTEIL EINES JEDEN GELDSYSTEMS.

Eine vierte Fehlannahme bezieht sich auf die Rolle der Inflation in unserem Wirtschaftssystem. Für die meisten Menschen
scheint Inflation fast natürlich, weil es in der Welt kein kapitalistisches Land mit einer freien Marktwirtschaft ohne
Inflation gibt. Abbildung 5, zur Entwicklung verschiedener Wirtschaftsindikatoren in der BRD, läßt einen Faktor erkennen, der
in enger Beziehung zur Inflation steht.

Während die Einnahmen des Bundes, das Bruttosozialprodukt sowie Löhne und Gehälter zwischen 1968 und 1982 auf ungefähr das
Dreifache (300%) anstiegen, erhöhten sich die Zinslasten des Bundes auf mehr als das Elffache (1160%). Die Tendenz wird
deutlich - die Schulden und Schuldenzinsen in den Volkswirtschaften nehmen schneller zu als die Einkommen, was früher oder
später zum Kollaps führen muß, selbst in den industrialisierten Nationen. Wenn ein Kind zwischen seinem 1. und 10. Lebensjahr
um das dreifache wächst, seine Füße im selben Zeitraum jedoch um das 11-fache wachsen, würde jeder es krank nennen. Das
Problem ist, daß nur sehr wenige Menschen die Zeichen der Krankheit im Geldsystem erkennen und daß noch weniger ein
Heilmittel kennen. Denn bisher war niemand in der Lage, ein gesundes Geldsystem aufzubauen, welches Bestand hatte.
Inflation wirkt wie eine andere Form von Besteuerung, mit der die Regierungen eine Möglichkeit haben, die schlimmsten
Probleme der ansteigenden Schulden zu bewältigen. Es ist offensichtlich, daß die benötigte Inflation umso größer sein muß, je
größer die Lücke zwischen nationalem Einkommen und Schulden ist. Die Regierungen können ihre Schulden vermindern, indem sie
den Notenbanken gestatten, Geld zu drucken.


Abbildung 6 zeigt den Wertverlust der DM zwischen 1950 und 1985. Diese Abwertung
trifft jene Leute am härtesten, die ihr Vermögen nicht in "inflationsbeständigem" Grundbesitz oder anderen Investitionen
anlegen können, wie jene, die zu dem kleinen Bevölkerungsteil mit dem höchsten Einkommen gehören.
 
Der Wirtschaftshistoriker John L. King zieht eine Parallele zwischen Inflation und den Zinszahlungen für den "US-
Kreditballon". In einem Brief vom 08. Januar 1988 schrieb er mir:
"Ich habe bisher hinlänglich über den Zins als die wichtigste Ursache der steigenden Preise geschrieben, da er in den Preisen
für alle Dinge, die wir kaufen, versteckt ist, jedoch wurde dieser Gedanke, obwohl er wahr ist, bisher nicht recht
akzeptiert. 9 Billionen US-Dollar Inlandsschulden ergeben bei 10% Zins 900 Milliarden US-Dollar, die in steigenden Preisen
bezahlt werden, und dies entspricht genau dem 4%-igen Anstieg der Preise, welche die Experten als Inflation bezeichnen. Ich
habe den Zins und Zinseszins stets als eine unsichtbare Zerstörungsmaschinerie betrachtet, die gerade jetzt hart am Werk ist.
Wir müssen versuchen, uns von dieser sinnlosen finanziellen Besessenheit zu befreien."

Während der letzten 33 Jahre stiegen die privaten und öffentlichen Schulden in den U.S.A. um 1000%, wobei der größte Anteil
auf die privaten Haushalte entfällt. Alle Mittel der Regierung wurden eingesetzt, um dieses Wachstum weiteranzuheizen:
Garantien bei der Vergabe von Zinsen, subventionierte Hypothekenraten, niedrige Eigenanteile beim Kauf von Häusern und
Konsumgütern, erleichterte Konditionen bei der Kreditvergabe, Steuervorteile, Sekundär-Märkte, Auszahlungsversicherungen usw.
Die Erklärung für diese Politik ist, daß nur auf diese Weise die Konsequenzen des Zinssystems für die große Mehrheit der Bev
ölkerung erträglicher gemacht werden konnten. Durch das Erzeugen eines schnellen wirtschaftlichen Wachstums, das dem
exponentiellen Wachstum des Geldes folgt, bleiben die sozialen Konsequenzen noch eine Weile unsichtbar. Der Teufelskreis, der
sich ebenfalls immer schneller dreht, heißt nun: mehr Inflation, mehr soziale Ungleichheit und immer schlimmere Auswirkungen
auf unsere Umwelt. Viele Gesichtspunkte sprechen also dafür, diesen zerstörerischen finanziellen Zinsmechanismus durch eine
andere Umlaufsicherung zu ersetzen.
Der Zins muß jedoch nicht die einzige Ursache für Inflation sein. Rohstoffverknappung (wie zur Zeit der Ölkrise), übermäßige
Rüstungsausgaben oder Krieg (wie in Ländern des nahen Ostens) können inflationäre Tendenzen natürlich ebenso verursachen.
Doch unter normalen Umständen und mit einer vernünftigen Geldpolitik der Notenbank wäre ein wesentlicher Grund für die stä
ndige Inflation mit der Abschaffung des Zinses als Umlaufsicherung beseitigt.

KAPITEL 2: EIN GELDSYSTEM OHNE ZINSEN UND INFLATION

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beobachtete Silvio Gesell, ein erfolgreicher Kaufmann in Deutschland und Argentinien, daß
sich seine Waren manchmal schnell verkaufen ließen und einen guten Preis erbrachten, zu anderen Zeiten jedoch verkauften sie
sich langsam und neigten zu geringeren Preisen. Er begann darüber nachzudenken und Gründe dafür zu suchen. Schnell verstand
er, daß dieses Auf und Ab wenig mit dem Bedarf für seine Güter zu tun hatte oder mit deren Qualität, sondern fast ausschließ
lich mit dem Preis des Geldes auf dem Geldmarkt.
Er begann diese Bewegungen zu beobachten und fand bald heraus, daß die Leute kauften, wenn die Zinssätze niedrig waren und
daß sie nicht kauften, wenn diese hoch waren. Daß es manchmal mehr und manchmal weniger Geld gab, lag an der Neigung der
Geldbesitzer, ihr Geld auszuleihen. Wenn sie für ihr Geld weniger als 2,5% Zinsen erhielten, neigten sie eher dazu, es zu
behalten und verursachten damit eine Verringerung der Investitionen, mit der Folge, daß Firmen zusammenbrachen und es weniger
Arbeitsplätze gab. Wenn dann nach einiger Zeit die Leute bereit waren, wieder mehr Zinsen für Geld zu bezahlen, wurde es
wieder zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise entstand wieder ein neuer wirtschaftlicher Zyklus. Anfangs gab es dann hohe
Zinssätze und hohe Preise für die Waren, dann wurden mit langsam steigendem Waren- und vermehrtem Geldangebot die Zinssätze
wieder niedriger und führten schließlich wiederum zu einem "Streik" des Kapitals.
Silvio Gesell erklärte dieses Phänomen damit, daß Geld im Gegensatz zu allen anderen Gütern und Dienstleistungen praktisch
ohne Kosten zurückbehalten werden kann. Wenn jemand eine Tasche voll Äpfel hat und eine andere Person das Geld hat, um diese
Äpfel zu kaufen, so wird derjenige mit den Äpfeln in kurzer Zeit gezwungen sein, zu verkaufen, wenn er nicht seine Ware
verlieren will. Der Geldbesitzer jedoch kann warten, bis der Preis seinen Erwartungen entspricht. Sein Geld verursacht keine
"Lagerkosten", im Gegenteil, es bringt ihm einen "Liquiditätsvorteil", d.h. mit Geld in der Tasche oder auf dem Bankkonto
kann man warten bis der günstigste Zeitpunkt bzw. Preis für eine Ware erreicht ist.
Silvio Gesell folgerte: Wenn wir ein Geldsystem schaffen könnten, in dem das Geld ebenso wie alle anderen Dienstleistungen
und Waren Lagerkosten verursacht (dabei müßten für diese Lagerkosten im Mittel 5% jährlich zugrunde gelegt werden, was genau
den Zinsen entspräche, die im Laufe der Geschichte für Geld bezahlt wurden, dann würde es eine Wirtschaft frei vom Auf und Ab
der Geldspekulation geben. Er schlug vor, ein Geldsystem so zu gestalten, daß das Geld darin "rostete", d. h. es sollte einer
Benutzungsgebühr unterworfen werden.

EINE UMLAUFGEBÜHR ERSETZT DIE ZINSEN

1916 formulierte Silvio Gesell seine Idee einer "natürlichen Wirtschaftsordnung", die den Geldfluß sichert, indem Geld zu
einer staatlichen Dienstleistung wird, für die Menschen eine Nutzungsgebühr entrichten. Statt denjenigen Zinsen zu zahlen,
die mehr Geld haben, als sie benötigen, damit sie das Geld zurück in den Umlauf geben, sollen diese eine geringe Gebühr
zahlen, wenn sie ihr Geld vom Umlauf zurückhalten. Diese Gebühr kommt nicht einzelnen zugute, sondern den aktiv am
Marktgeschehen Beteiligten, die miteinander Austausch betreiben und die Akzeptanz des Zahlungsmittels gewährleisten.
Um diesen Gedanken besser zu verstehen, ist es hilfreich, das Geld mit einem Eisenbahnwaggon zu vergleichen, der ebenso wie
Geld den Austausch von Gütern erleichtert.
Natürlich zahlt niemand demjenigen, der einen Waggon benutzt, eine Prämie (= Zins), damit er ihn entlädt, um ihn zurück in den Umlauf zu bringen, sondern der Nutzer zahlt eine geringe Gebühr, "Standgeld"
genannt, wenn er den Waggon nicht entlädt. Das wäre im Grundsatz alles, was wir mit dem Geld tun müßten, um den Zins und
seine negativen Folgen abzuschaffen. Der jeweilige Benutzer bezahlt eine geringe "Parkgebühr" , wenn er das neue Geld länger
behält, als für den Zweck des Austausches erforderlich ist.
Während heutzutage Zinsen einen privaten Gewinn darstellen, würde die Benutzungsgebühr für das Geld einen öffentlichen Gewinn
darstellen. Die Gebühr müßte wiederum in den Geldkreislauf zurückgebracht werden, damit das Gleichgewicht zwischen dem
Geldvolumen und Volumen der wirtschaftlichen Aktivität bestehen bleibt. Sie würde eine öffentliche Einnahmequelle darstellen,
mit der die Kosten der Notenbank und des Geldumtauschs abgedeckt werden. Überschüsse gingen - wie heute auch - in die
Bundeskasse und könnten für Schuldentilgungen zweckgebunden werden. Diese Änderung - so einfach sie auch scheinen mag - ist
eine Lösung für die vielen Probleme, die durch den Zins und Zinseszins in der Vergangenheit und Gegenwart hervorgerufen
wurden.
Silvio Gesell nannte dieses Geld, weil es zinsfrei war, "Freigeld". Dieter Suhr hat dafür in den letzten Jahren den
Begriff "Neutrales Geld"  geprägt, weil es allen dient und keinem einseitige Vorteile einräumt wie das heutige Geldsystem.
Dieser Bezeichnung möchte ich mich anschließen. Ich verwende deshalb im folgenden den Begriff Neutrales Geld, wenn ich über
zinsfreie Tauschmittel spreche, die einer Nutzungsgebühr unterliegen. In der folgenden historischen Betrachtung benutze ich
die zu der jeweiligen Zeit gebräuchlichen Bezeichnungen.
Um die Funktionsweise einer solchen Geldreform zu verdeutlichen, werden in den folgenden zwei Abschnitten historische
Erfahrungen und heutige Lösungsansätze geschildert.

ERSTE EXPERIMENTE MIT ZINSFREIEM GELD

In den 30'er Jahren unternahmen die Anhänger der Gesell'schen Theorie - der Freiwirtschaft - einige Versuche mit zinsfreiem
Geld, die die Richtigkeit ihrer Gedanken bewiesen. In Österreich, Frankreich, Deutschland, Spanien, Schweiz und den U.S.A.
gab es Bemühungen, Freigeld einzuführen, um die Arbeitslosigkeit zu beheben. Am erfolgreichsten erwies sich ein Versuch
in Wörgl in Österreich.
Wörgl, mit etwa 3000 Einwohnern, begann zwischen 1932 und 1933 sich mit dem Thema Geldreform zu befassen. Der Bürgermeister
der Stadt überzeugte die Kaufleute und die Verwaltung, daß sie viel zu gewinnen, aber nichts zu verlieren hatten, wenn sie
ein Geldexperiment durchfuhren würden, so wie es in Silvio Gesell's Buch "Die natürliche Wirtschaftsordnung" vorgeschlagen
wurde.
Die Einwohner stimmten zu, und so gab der Stadtrat 32.000 "Freie Schillinge" (d. h. zinsfreie Schillinge) heraus, die durch
den gleichen Betrag von gewöhnlichen österreichischen Schillingen in der Bank abgedeckt wurden. Die Stadt ließ eine Brücke
erbauen, verbesserte Straßen und investierte mehr Geld in Öffentliche Dienste. Sie bezahlte Löhne und Material mit diesem
Geld, welches die Händler und Geschäftsleute in der Stadt akzeptierten.
Die Benutzungsgebühr für dieses Geld betrug l% monatlich, also 12% im Jahr. Die Gebühr mußte von demjenigen entrichtet
werden, der die Banknote am Ende des Monats besaß. Sie wurde in Form einer Marke mit dem Wert von 1 % der Banknote
entrichtet, - die auf der Rückseite der Banknote aufgeklebt wurde. Ohne diese Marke war die Banknote ungültig. Die geringe
Gebühr bewirkte, daß ein jeder, der Freie Schillinge als Bezahlung erhalten hatte, diese so schnell wie möglich wieder
ausgab, bevor er sein gewöhnliches Geld benutzte. Die Bewohner von Wörgl bezahlten sogar ihre Steuern im voraus, um das
Zahlen der Gebühr zu vermeiden. Innerhalb eines Jahres waren die 32.000 Freien Schillinge 463 Mal umgelaufen und hatten auf
diese Weise Güter und Dienstleistungen im Wert von (32.000 x 463 =) 14.816.000 Schillingen geschaffen.
Gerade zu jener Zeit, in der viele Länder Europas mit zunehmender Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatten, verminderte Wörgl seine
Arbeitslosenquote um 25% innerhalb dieses einen Jahres. Die vom Stadtrat eingenommene Gebühr betrug insgesamt 12% von 32.000
Freien Schillingen = 3.840 Freie Schillinge. Diese wurden für öffentliche Zwecke verwendet, d.h. für das Wohl der
Gemeinschaft und nicht zur Bereicherung Einzelner.
Als sich dann über 300 Gemeinden in Österreich für dieses Modell zu interessieren begannen, sah die österreichische National
Bank ihr Monopol gefährdet. Sie intervenierte beim Stadtrat und verbot das Drucken dieses lokalen Geldes. Trotz eines lang
anhaltenden Streites bis vor das höchste österreichische Gericht, konnte weder Wörgl noch eine andere Gemeinde in Europa
dieses Experiment wiederholen.
In Dieter Suhrs Buch "The Capitalistic Cost-Benefit Structure of Money" (Deutsch: "Die kapitalistische Kosten-Nutzen Struktur
von Geld") berichtet Cohrssen von dem Versuch, das Konzept von Gesell 1933 im Rahmen des "Stamp Scrip Movement" (der "Marken
-Geld Bewegung") in den U.S.A. einzuführen (12). Zu jener Zeit planten mehr als 100 Gemeinden, darunter mehrere große Städte
in den U.S.A., das Geld, was ähnlich wie das "Freigeld" in Wörgl funktionieren sollte, einzuführen.
Das Arbeitsministerium, das Innenministerium und das Wirtschaftsministerium in Washington D.C. befaßten sich mit diesen Antr
ägen, und obwohl keines von ihnen dagegen war, hatten sie nicht die Macht, die notwendige Erlaubnis zu gewähren. Zuletzt
fragte Dean Acheson, der später Innenminister wurde, den wirtschaftlichen Berater der Regierung, Professor Russel Sprague,
der an der Universität von Harvard lehrte, nach seiner Meinung.
Cohrssen erinnert sich eines Treffens mit ihm, welches sehr herzlich war und in welchem Prof. Sprague sagte, daß im Grunde
nichts gegen die Herausgabe von Marken-Geld einzuwenden sei, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dennoch meinte er, ginge der
Vorschlag weit darüber hinaus: Es wäre eine Maßnahme, die das amerikanische Geldsystem vollkommen umstrukturieren würde, und
er hätte nicht die Vollmacht, eine solche massive Veränderung zu befürworten. Damit war die "Stamp Scrip" Bewegung zu Ende,
ein Modellprojekt, welches wahrscheinlich zu einer wirklichen Geldreform geführt hätte.
Präsident Roosevelt verfügte am 04. März 1933, die Banken zeitweise zu schließen, und er verbot, irgendwelches Notgeld
herauszugeben. Als Schlußfolgerung aus seinen intensiven Bemühungen schrieb Cohrssen: "Insgesamt können wir sagen, daß die
technischen Schwierigkeiten, um eine Stabilität des Geldes zu gewährleisten, im Verhältnis zum mangelnden Verständnis des
Problems sehr klein sind. Solange die Illusion des Geldes nicht überwunden wird, wird es praktisch unmöglich sein, die
notwendige Geldstabilität politisch durchzusetzen."

LÖSUNGSANSÄTZE HEUTE

Grundlage einer Geldreform müßte die Erkenntnis eines großen Teils der Bevölkerung sein, daß wir das Geld auf seine
Funktionen als Tauschmittel, Wertmaßstab und Wertspeicher oder Wertaufbewahrungsmittel beschränken müssen, wenn wir die
Probleme lösen wollen, die seine jetzige Zusatzfunktion als Ware (und zwar die begehrteste unter allen) verursacht.
Die Umlauf- oder Nutzungsgebühr, die verhindert, daß Geld zurückgehalten wird, würde eine genaue Anpassung an die für alle
Transaktionen notwendige Geldmenge notwendig machen. Wäre genug neues Geld für die Ausführung sämtlicher Transaktionen
vorhanden, brauchte kein weiteres mehr in Umlauf zu gelangen. Somit würde das Anwachsen des neuen Geldes dem natürlichen oder
qualitativen Wachstum (Kurve a, Abb. 1) und nicht mehr dem exponentiellen oder quantitativen Wachstumsverhalten folgen.
90% von dem, was wir heute "Geld" nennen, sind in Wirklichkeit Geldguthaben in Form von Zahlen in einem Computer. Deshalb wü
rde bei dem jetzt üblichen giralen Zahlungsverkehr die Nutzungsgebühr nach Einführung des Neutralen Geldes sehr einfach zu
erheben sein. Geldguthaben auf dem Girokonto, welche ihrem Besitzer jeder Zeit zur Verfügung stehen, würden z.B. mit
monatlich einem halben Prozent belastet, also mit 6% im Jahr. Jeder, der auf seinem Girokonto mehr Neutrales Geld hätte, als
er für Ausgaben im laufenden Monat benötigt, würde, um Verluste zu vermeiden, den Überschuß auf sein Sparkonto überweisen, wo
es keiner Gebühr unterliegt.
Zwar würde Neutrales Geld den Besitzern auf dem Sparkonto keine Zinsen einbringen, jedoch behielte es seinen stabilen Wert,
denn mit einem umlaufgesicherten Geld wird die wichtigste Inflationsursache entschärft (eine vernünftige Geldpolitik der
Notenbank vorausgesetzt, siehe Kapitel 1). Wer einen Kredit erhält bezahlt ebenfalls keine Zinsen, sondern, bis er das Geld
ausgegeben hat, nur die Nutzungsgebühr (ca. 0,5% pro Monat) sowie eine Risikoprämie und Bearbeitungsgebühr, wie sie auch
heute in jedem Bankkredit enthalten sind. Letztere betragen ungefähr 1,5% bis 2,5% der normalen Kreditkosten. Insgesamt würde
sich somit praktisch sehr wenig ändern. Die Aufgabe der Banken bliebe weiterhin die Vermittlung von Geld.
Um ein Gleichgewicht zwischen volkswirtschaftlicher Leistung und der Geldmenge zu gewährleisten, würden die Banken - genau
wie heute größere Überschüsse an Neutralem Geld an die Zentralbank zurückgeben bzw. an andere Banken mit Geldbedarf
transferieren. Schwankungen in der Nachfrage nach Krediten könnten über eine sehr niedrige Regelgebühr (Anreiz zum Leihen +1
%, wenn zuviel Geld da ist, Gebühr von -1%, wenn zu wenig da ist) austariert werden. Diese Regelgebühr von +/-l% wäre aber
nur temporär einsetzbar und nicht, wie heute, ein Mechanismus zur ständigen Umverteilung von Reichtum.
Die Hortung barer Scheine des neuen Geldes könnte auf elegantere Weise, als mit dem Aufkleben von Marken auf die Rückseite
von Banknoten, verhindert werden. Man könnte z.B. Banknoten in Serien mit verschiedenen Farbmarkierungen und Größen drucken,
von denen eine Serie ein oder zweimal im Jahr ohne Vorankündigung eingezogen würde, so daß niemand größere Mengen von
Banknoten ohne Verlust horten könnte. Das wäre für den Staat nicht viel aufwendiger, als das Ersetzen von abgenutzten
Banknoten durch neue, wie es heute üblich ist.
Es würde für die 80% der Bevökerung, die bei dem heutigen System draufzahlen (s. Kapitel 1), einen enormen Zuwachs an
Verdienst (ca. 30 - 50%) bedeuten. Den 10% der Bevölkerung, die heute von dem System profitieren, würde zwar der Zuwachs ohne
Arbeit verwehrt, aber dafür ein stabiler Geldwert geboten. Wie mit der bisher entstandenen Ungleichheit umgegangen würde (z.
B. Versuch eines Ausgleichs über höhere Vermögens- oder Erbschaftssteuern), wäre dann eine weitere wichtige politische Frage,
die allein durch die Veränderung des Geldsystems nicht beantwortet wird.
Was die Umlaufgeschwindigkeit angeht, so wird sie weniger von der Höhe der Umlaufgebühr bestimmt als von den Notwendigkeiten
der Wirtschaft selbst. Zu bestimmten Zeiten, z.B. vor Weihnachten, wird es eine höhere Nachfrage nach Gütern geben, dann wird
das Geld schneller umlaufen, mal wird es eine geringere Nachfrage geben, dann wird Geld langsamer zirkulieren, dabei braucht
die Geldmenge insgesamt nicht unbedingt größer oder kleiner zu werden.
Durch die Einführung von Sparkonten, auf denen das Geld seinen Wert behält, kann man die Zahlung der Umlaufgebühr
ausschalten. Das bewirkt, daß die Umlaufgebühr nicht zu einer vermehrten Geldausgabe führt, was unter ökologischen
Gesichtspunkten fatal wäre. Im Gegenteil, die neue Stabilität von Neutralem Geld bietet eine größere Sicherheit als der mal
schneller und mal langsamer sinkende Wert unseres heutigen Geldes und kann damit langfristig als Sparanreiz wirken. Das heiß
t, mit der Einführung des Neutralen Geldes paßt sich die Wirtschaft den Bedürfnissen der Menschen an und nicht dem
Wachstumszwang im Geldsystem.
Um den Geldwert innen- und außenpolitisch für alle nachvollziehbar stabil zu machen, könnte das Geld auf einen Warenkorb
bezogen und abgesichert sein, der sich in erster Linie auf die Exportgüter der geldausgebenden Regionen oder Länder bezieht.
Damit hätte jede(r) die Sicherheit, den entsprechenden Gegenwert für ihr/sein Geld bekommen zu können. Notwendig wäre diese
Maßnahme bei einer richtigen Notenbankpolitik nicht.
Die oben beschriebene Geldreform - in großem Maßstabe durchgeführt - müßte von einer Land und Steuerreform begleitet werden.
Ohne eine Landreform würde sonst überschüssiges Geld von der Bodenspekulation angezogen. Ohne eine Steuerreform, die uns zu
einem anderen Umgang mit den Gütern der Natur bewegt, blieben die ökologischen Probleme bestehen.

DIE NOTWENDIGE BODENREFORM

Die Vergangenheit lehrt, wann immer der Zins niedrig war, wurde mehr Land gekauft. Das heißt, wenn wir Geld ohne Zinsen und
Inflation einführen, besteht die Gefahr, daß die Geldbesitzer, in noch größerem Umfang als heute, ein arbeitsloses Einkommen
aus dem Besitz von Grund und Boden zu erzielen versuchen.
Geld- und Boden sind für jeden lebensnotwendig. Ob wir essen, schlafen oder arbeiten, leben ohne Land ist undenkbar. Deshalb
sollte der Grund und Boden ebenso wie die Luft und das Wasser jedem gehören. Die Indianer von Nordamerika sagen: "Die Erde
ist unsere Mutter, wie könnten wir sie aufteilen und verkaufen." Der Grund und Boden sollte der Gemeinde gehören und dann von
der Gemeinde verpachtet werden. So war es in vielen europäischen Ländern üblich, bis das römische Recht den Privatbesitz im
späten Mittelalter einführte.
Heute kennen wir zwei grundsätzlich verschiedene Systeme in der Welt:
- Privateigentum und private Nutzung von Land in den kapitalistischen Ländern
- Gemeinschaftseigentum und gemeinschaftliche Nutzung des Landes in den kommunistischen Ländern.

Abbildung 7 zeigt, wie in den kapitalistischen Ländern die Mehrheit der Menschen für die hohen Profite der Bodenspekulanten
bezahlt. Hier konzentriert sich Grund und Boden in den Händen von immer weniger Leuten. Dies wiederum verwehrt anderen die
Befriedigung ihrer Grundrechte zu vertretbaren Preisen.
In den kommunistischen Ländern dagegen liegt das Hauptproblem in der unwirtschaftlichen Nutzung des Landes.
So werden in Rußland, wo der Grund und Boden gemeinschaftlich besessen und genutzt wird, über 60% der Nahrungsmittel auf
jenen 4% des Bodens geerntet, der privat bewirtschaftet wird. Hier liegt also das Problem in der gemeinschaftlichen Nutzung,
die weniger effektiv ist als die private Nutzung, wenn sie mit entsprechender Verantwortung und Eigeninteresse gekoppelt
wird.
Aus diesem Grunde würde eine Kombination aus privater Nutzung und gemeinschaftlichem Besitz die vorteilhafteste Lösung sein,
um individuelle Entwicklungsmöglichkeiten und soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen. Genau diese Vorschläge machten bereits
1879 Henry George, 1904 Silvio Gesell und Yoshito Otani 1981.

Nach den katastrophalen Folgen der Enteignung in Ländern mit kommunistischer Verfassung würde heute keine westliche Nation
mehr den Besitzwechsel von Land in Gemeineigentum ohne Entschädigung erwägen. Obwohl das römische Recht, welches das
Privateigentum an Grund und Boden in die westliche Zivilisation einführte, ursprünglich den Völkern von seiten ihrer Eroberer
aufgezwungen wurde, gehören jene, die davon zuerst profitierten, bereits der Geschichte an. Die heutigen Eigentümer haben das
Land, das sie besitzen, entweder gekauft oder legal geerbt. Aus diesem Grund muß eine Entschädigung gezahlt werden, will man
eine gerechte Situation schaffen. Dazu sind die Gemeinden jedoch nur in der Lage, wenn sie zusätzliche Mittel bekommen.
Langfristig könnten beispielsweise die Gemeinden auf sämtliches Land eine jährliche Abgabe von 3% des Wertes erheben. Mit
diesem Geld könnten sie das Land erwerben, das zum Verkauf ansteht. Auf diese Weise würde eine Gemeinde über einen gewissen
Zeitraum - theoretisch 33 Jahre bei einer 3%igen Gebühr und Neutralem Geld - ihren Grund und Boden erwerben, um ihn dann an
private Nutzer zu verpachten.
Alternativ könnte man den Grundeigentümern die Möglichkeit geben, daß sie statt Zahlung der 3%igen Abgabe auf ihr Land dies
der Gemeinde über 33 Jahre verkaufen. Danach hätten sie weiterhin das Recht, dasselbe Land in Erbpacht zu nutzen. Jedoch müß
ten sie nach diesen 33 Jahren die 3%ige Abgabe auf den dann gültigen Wert des Bodens an die Gemeinde zahlen. Eine Staffelung
dieser Steuer könnte nach sozialen oder ökologischen Gesichtspunkten erfolgen.
Als sofortige Folge würde die Spekulation aufhören. Der größte Teil des Landes, das Menschen heute besitzen, ohne es zu
nutzen, würde auf dem Markt angeboten, um einen fortschreitenden Verlust zu vermeiden. Je mehr Land auf diese Weise verfügbar
würde, desto mehr würde der Bodenpreis sinken, und zunehmend mehr Menschen hätten die Möglichkeit, das verfügbare Land auf
produktive Weise zu nutzen. Besonders in den Entwicklungsländern hätte dies einen erheblichen Effekt auf die Produktion von
Nahrungsmitteln. Die im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum immer geringer werdende Nahrungsmittelerzeugung ist nicht eine
Frage der Agrartechnik, sondern ein Mangel der Verfügbarkeit von Boden für kleine landwirtschaftliche Produktionsbetriebe.
Die Pächter hätten in diesem neuen System sämtliche Vorteile des heutigen Erbpachtsystems: Sie könnten ihren Besitz im Rahmen
der lokalen Planungsvorgaben nutzen. Sie könnten darauf bauen. Sie könnten ihre Häuser verkaufen. Sie könnten ihre Häuser
ihren Nachkommen vererben. Sie könnten an dritte weitervermieten, solange sie die Pacht bezahlen. Der genaue Betrag der Pacht
wäre durch öffentliche Ausschreibung, Auktionen oder ähnliche Veräußerungsformen festzulegen, womit die Ineffektivität der
Planwirtschaft oder bürokratischer Festlegungen vermieden werden könnte.
Langfristig würde diese Änderung einen enormen Ballast von den Schultern der arbeitenden Bevölkerung nehmen, die letztlich
immer für den Gewinn der Spekulanten bezahlt. Und eben dafür wurde Land nur allzu häufig mißbraucht. Soll hierfür eine
realistische gesellschaftliche Lösung gefunden werden, so muß die Spekulation mit Boden und Geld aufhören. Wiederum zielt die
vorgeschlagene Lösung nicht darauf ab, jene zu bestrafen, die vom gegenwärtigen System profitieren, sondern langsam aber
sicher die Voraussetzungen dafür abzuschaffen, daß wenige Menschen enorme Vorteile haben, während der Mehrheit abverlangt
wird, dafür zu zahlen. Aus Abbildung 7 ist zu ersehen, daß sich seit 1950 die mittlere Arbeitszeit etwa verdreifacht hat, um
ein Stück Land als Eigentum erwerben zu können.
Länder mit einer fortschrittlichen Verfassung hätten vom rechtlichen Standpunkt aus keine Probleme, eine solche Veränderung
einzufahren. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland z. B. bezeichnet den Boden als "sozialpflichtiges Gut" und
bestimmt in Artikel 15: "Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zweck der Vergesellschaftung durch
ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeindeeigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft ü
bergeführt werden".
Da diese Lösung heute sicherlich auf erheblichen politischen Widerstand stößt, weil ein Stück Land zu besitzen eine
wesentliche Form von Sicherheit bedeutet, wäre eine politisch realistischere Alternative, den Zugewinn aus dem Boden über
eine entsprechende Steuer der Allgemeinheit zuzuführen. Damit könnte ein großer Teil der heutigen Steuern entfallen. Ein
Beispiel dafür bietet die Stadt Zürich, die im vergangenen Jahrhundert ihre Wallanlagen als Baugrundstücke an Private
verkaufte. Hätte sie diese Bodenfläche behalten und in Erbpacht für Wohnzwecke vergeben, könnte sie heute von den
Pachteinnahmen den gesamten Kommunalhaushalt bestreiten.
Grundsätzlich ist jede Lösung akzeptabel, die die Spekulation verhindert und den Mehrwert aus dem Boden der Allgemeinheit
zuführt.

DIE NOTWENDIGE STEUERREFORM

Es wird geschätzt, daß etwa die Hälfte bis zwei Drittel des gegenwärtigen Bruttosozialproduktes im Hinblick auf seine ö
kologischen Auswirkungen als gefährlich bezeichnet werden können. Die vorgeschlagene Geld- und Bodenrechtsreform würde
den Weg für eine Steigerung der Produktion und der Beschäftigung freimachen. Damit beide in einer ökologisch vertretbaren Art
und Weise geschehen, müßten die Steuergesetze in zwei Richtungen verändert werden:
1. Statt Steuern auf das Einkommen - Besteuerung der Produkte.
2. Die ökologischen Kosten der Produkte sollten in die Bemessung der Produktsteuer einfließen.
Hermann Laistner weist in seinem Buch "Die Ökologische Wirtschaft" daraufhin, daß die Einkommenssteuer die menschliche
Arbeit derart verteuert, daß es für Unternehmer günstiger ist, diese durch gesteigerte Mechanisierung zu ersetzen. Durch eine
sinnlose, an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vorbeigehende Massenproduktion werden wertvolle unwiederbringliche
Ressourcen aufgezehrt. Würde man stattdessen die Produkte besteuern und die ökologischen Kosten der Herstellung
miteinbeziehen, so ergäben sich natürlich höhere Produktpreise. Aber kombiniert mit den nun weitaus geringeren Arbeitskosten
sänke der Druck zu immer weiterer Automatisation und die Beschäftigung würde steigen. Immer mehr Menschen fänden Arbeit.
Gegenwärtig bezahlt die Gesellschaft doppelt, wenn ein Arbeiter durch eine Maschine ersetzt wird. Sie verliert erstens die
Einkommenssteuer - weil das Einkommen von Maschinen nicht besteuert wird - und zahlt des weiteren das Arbeitslosengeld für
den entlassenen Arbeiter. Um nun der Besteuerung des Einkommens zu entgehen, gibt es weiterhin einen beträchtlichen Anteil an
Schwarzarbeit. Ohne eine Besteuerung des Einkommens wäre diese Schattenwirtschaft legal.
Der jetzige Lebensstandard würde nicht sinken, weil den durch die Reform steigenden Produktpreisen ein steuerfreies Einkommen
gegenüberstände. Daraus würde sich langfristig ein sehr unterschiedliches aber ökologisch sinnvolleres Konsumverhalten
ergeben. Die Menschen würden sich den Kauf eines neuen Fahrrades oder Autos zweimal überlegen, da es billiger wäre, Dinge
reparieren zulassen.
Diese Änderung der Besteuerungsgrundlagen könnte nach und nach eingeführt werden und würde selbst ohne Geld- und Bodenreform
sinnvoll sein. Auf wirkungsvolle Weise würden dadurch eine Vielzahl von Forderungen und Vorschlägen unterstützt, die Ökologen
in den letzten Jahrzehnten vorgebracht haben. Die Kombination beider Reformen würde viele Umweltprobleme beseitigen, eine
Reihe von "Umweltschutzmaßnahmen" überflüssig machen und zur Lösung der Arbeitslosenproblematik beitragen.

KAPITEL 3: WER PROFITIERT VON ZINS- UND INFLATIONSFREIEM GELD?

Der Durchbruch zu individuellem und sozialem Wandel scheint sich aus zwei grundsätzlich verschiedenen Beweggründen zu
ergeben:
Erstens: Weil aufgrund eines bestimmten Verhaltensmusters mit großer Sicherheit ein negatives Ergebnis zu erwarten ist und es
das Ziel sein muß, diesen Zusammenbruch zu verhindern.
Zweitens: Weil ein anderes Verhaltensmuster angemessener erscheint, um ein erwünschtes Ziel zu erreichen.
Die im letzten Kapitel vorgeschlagene Änderung des Geldsystems könnte aus einem oder beiden der oben angeführten Gründe
geschehen:
In der Vergangenheit wurde das krebsartige Wachstum von Geld und damit Macht in den Händen einer immer kleineren Gruppe von
Menschen durch gesellschaftliche Revolutionen, Kriege oder ökonomische Zusammenbrüche "gelöst". Heute sind diese Lösungen
nicht mehr anwendbar. Einerseits macht das vielfache Potential zur globalen Zerstörung eine gewaltsame Lösung unannehmbar,
zum anderen sind alle Nationen in einem bisher nie erreichten Grade voneinander wirtschaftlich abhängig. Wir sind gezwungen,
eine neue Lösung zu finden, wenn wir überleben wollen.
Nach Aussage vieler Wirtschafts- und Bankfachleute war der Börsenkrach 1987, bei dem innerhalb weniger Tage ein Verlust von
1,5 Milliarden Dollar hingenommen werden mußte, nur ein kleiner Vorgeschmack von dem, was uns bei einer erneuten weltweiten
Wirtschaftsdepression bevorstünde - wenn wir das System nicht innerhalb der nächsten Jahre grundlegend ändern. Das Geldsystem
umgestalten bedeutet eine Möglichkeit, eine solche Katastrophe zu vermeiden.
Ob wir nun erkennen oder nicht: jedes exponentielle Wachstum führt zu seiner eigenen Zerstörung. Darüber hinaus sind die
Vorteile der Einführung des Neutralen Geldes im Hinblick auf soziale und ökologische Gerechtigkeit offensichtlich.
Dennoch, das Hauptproblem bei jedem Transformationsprozeß liegt nicht so sehr darin, daß wir lieber in der alten Situation
beharren wollen oder daß wir die Vorteile unseres neuen Zieles oder Weges nicht erkennen, sondern darin, die Frage zu
beantworten: Wie können wir von hier nach dort gelangen? Wir wissen um die Gefahren, die uns hier drohen, aber können wir
ausschließen, daß das neue System nicht andere, vielleicht schlimmere Folgen hätte?
Um uns die Beantwortung der Frage zu erleichtern, will ich versuchen darzustellen, wie die Transformation des Geldsystems die
Ziele der verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen unterstützt: der Reichen und der Armen, der Verantwortlichen in den
Regierungen und einzelner Menschen, Minderheiten und Mehrheiten, Industrieller und Umweltschützer, materiell orientierter und
spirituell orientierter Menschen.
Bis zu diesem Punkt bezieht sich unsere Analyse auf Tatsachen und Zahlen, die jeder nachprüfen kann. Von nun an werden es
Annahmen sein, die auf Erfahrungen in der Vergangenheit beruhen. Die Verläßlichkeit solcher Voraussagen sollte durch
Erfahrungen im heutigen wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhang überprüft werden. Deshalb erhebt sich folgende Frage: Was
könnte ein Gebiet oder ein Land dazu bewegen, sich als Versuchsfeld für eine neue Geldordnung zur Verfügung zu stellen?

DAS LAND ODER DIE REGION, DIE MIT DER GELDREFORM BEGINNT

Wenn unsere Analyse bis jetzt richtig war, dann würde die vorgeschlagene Lösung hauptsächlich folgende Vorteile bieten:
- Überwindung der Inflation und der zinsbedingten Einkommensumverteilung
- Zuwachs an sozialer Gerechtigkeit,
- Verminderung der Arbeitslosigkeit, 30 - 50% geringere Preise für Güter und Dienstleistungen,
- Überwindung des Wachstumszwangs
- langfristig eine stabile auf qualitative Veränderung zielende Wirtschaft, nachdem die materiellen Bedürfnisse befriedigt
sind.
Wenn die Zinszahlungen bei Investitionen und in der Produktion gegen Null fielen, sänken nicht nur die Preise für die Güter
und Dienstleistungen in dem betreffenden Land bzw. der jeweiligen Region, die das Neutral-Geld-System einführt, sondern es w
ürde auch auf dem nationalen oder auf dem Weltmarkt ein gewaltiger Vorteil entstehen. Produkte und Dienstleistungen könnten
um den Betrag des jeweils aktuellen Zinssatzes billiger verkauft werden. Außerdem würde sich die Nachfrage von den
Zinsbeziehern zu den Wertbeschaffenden verlagern. Das könnte möglicherweise vorübergehend eine verstärkte Nachfrage nach
Konsumgütern zur Folge haben. Im gleichen Umfang würde jedoch auch die Nachfrage nach Großprojekten, die heute vom Groß
kapital ausgeht, zurückgehen. Von den Möglichkeiten abgesehen, solche Nachfrageschübe durch ein Umwelt-Steuersystem (s.o.)
einzugrenzen, ist dabei folgendes zu beachten:
Viele Produkte und Dienstleistungen, die augenblicklich nicht gegen die Einträglichkeit von Geldinvestitionen auf dem
Geldmarkt konkurrieren können, würden jetzt plötzlich realistisch. Darunter fielen ökologische Produkte, soziale Projekte und
künstlerische Tätigkeiten, für die es nur erforderlich ist, daß sie sich selbst tragen, weil sie für die Menschen
befriedigend sind. Es ergäbe sich eine in höherem Grade diversifizierte und damit stabilere Volkswirtschaft, die alles andere
als bedrohlich für die Umwelt ist. Die Beschäftigtenzahlen würden in diesem wirtschaftlichen Aufschwung steigen, Aufwendungen
für Sozialleistungen sinken, Bürokratismus schwinden und die Steuerbelastung zurückgehen.
Bei der Erprobung in einer bestimmten Region (wie es z.B. in Wörgl der Fall war) würden zwei Geldsysteme bestehen. Mit
Neutralem Geld könnten alle Dienstleistungen und Waren ausgetauscht werden, die in dieser Region erzeugt werden. Mit dem ü
blichen Geld müßte weiterhin alles bezahlt werden, was von außerhalb der "Versuchsregion" eingekauft wird. Für die Ü
bergangszeit gelten bestimmte Regeln des Austauschs und ein fester Wechselkurs 1:1. Die Region würde ähnlich wie eine
Freihandelszone funktionieren, wo statt zollfrei zinsfrei produziert und gehandelt werden kann.
Nach der Regel von Gresham verdrängt "schlechtes Geld" "gutes". "Neutrales Geld" ist nach dieser Definition - "schlechtes "
Geld, weil es im Gegensatz zum jetzigen Geld einer Benutzungsgebühr unterliegt. Die Menschen würden, wann immer möglich, mit
dem schlechten Geld bezahlen und das gute Geld behalten. Auf diese Weise würde Neutrales Geld so oft wie möglich benutzt, und
genau das ist die Absicht. Das alte Geld wird behalten und nur noch dann benutzt, wenn es unvermeidbar ist. Wenn wir das
vorgeschlagene Neutral-Geld-System anfänglich im Rahmen eines Experiments nur in einem Gebiet einfuhren, so könnte das in
Koexistenz mit dem gegenwärtigen Geldsystem geschehen, bis sich sein Nutzen bewiesen hätte.
Bei Ausweitung des Versuchs auf das gesamte Land würde der Außenhandel in unveränderter Weise fortbestehen. Nach wie vor gäbe
es eine gewöhnliche Wechselkursrate, jedoch würde Neutrales Geld als das "stabilere Geld" vergleichsweise höhere Kurswerte im
Jahresdurchschnitt erzielen, da es im Gegensatz zu anderen Währungen nicht der Inflation unterläge. Deshalb könnten
Investitionen in Neutral-Geld im Vergleich zu fluktuierenden Währungen, wie beispielsweise dem Dollar, durchaus vorteilhaft
sein.

POLITIKER UND BANKEN

In den meisten Ländern liegt das Monopol, Geld zu drucken, bei der Zentralregierung. Deshalb müßte die offizielle Erprobung
eines neuen Geldsystems, wenn es Bargeld miteinschließt, von der Zentralbank bzw. der Regierung genehmigt oder unterstützt
werden. Bei einer Beschränkung auf Buchgeld ist das, wie im Kapitel 5 geschildert wird, nicht nötig.
Offensichtlich würde der Versuch, ein zinsfreies Geld einzufuehren, von höchster politischer Bedeutung sein. Es erforderte
Mut, von seiten der Regierenden, zuzugeben, daß das bisherige höchst ungerechte System so lange toleriert wurde. Andererseits
ist es für die meisten Menschen tatsächlich sehr schwer zu verstehen, warum es besser ist, auf das Geld eine "Gebühr" zu
erheben, als das Zahlen von Zinsen zuzulassen.
Zur Zeit werden Regierungen, Politiker, Banken und die Wirtschaft für die meisten Probleme verantwortlich gemacht, die durch
den grundsätzlichen Fehler im Geldsystem hervorgerufen werden. Ihre Antworten: Symptombehandlung und Zwischenlösungen, wie
teilweiser Schuldenerlaß, Umschuldung, temporäre Zuschüsse, um die schlimmsten sozialen Folgen zu mildern. In Wahlkampagnen
finden wir die regelmäßigen Versprechen, der Inflation entgegenzuwirken, die sozialen Dienstleistungen zu verbessern und ö
kologische Belange und Schutzmaßnahmen zu unterstützen. Das ist zusammengenommen im heutigen Geldsystem unmöglich.
In Wahrheit kämpfen alle "mit dem Rücken zur Wand". Statt sich zu verbessern, wird die Situation in dem Maße schlechter, in
dem wir dem beschleunigenden Teil der exponentiellen Wachtumskurve des Geldsystems näher kommen. Statt Verbesserungen im
sozialen und ökologischen Bereich, werden diese von Haushaltskürzungen zuerst betroffen. Sowohl für konservative als auch für
progressiv orientierte Politiker bleibt im gegenwärtigen System nur wenig Raum für wirkliche Veränderung.
Einer der wenigen deutschen Politiker, die das nicht nur wissen, sondern auch versucht haben, geldpolitische Veränderungen zu
erreichen, ist Klaus von Dohnanyi, langjähriger Bürgermeister von Hamburg. In seiner Regierungserklärung am 23.2.83 sagte er:
"Wenn wir die öffentliche Verschuldung in den kommenden Jahren in Bund, Ländern und Gemeinden wie bisher weiter ansteigen
lassen, dann werden wir, und zwar auch bei weiter sinkenden Zinsen, nicht nur den Spielraum für zusätzliche Maßnahmen
verlieren, sondern dann wird uns auch der Atem für die Fortführung der bisherigen Politik ausgehen"... "Die zunehmende
Kreditfinanzierung der öffentlichen Haushalte wirft heute in erster Linie zwei Probleme auf: Einmal die Belastung zukünftiger
Haushalte mit Zinsen und Tilgungen, und zum anderen die unerwünschten Verteilungsfolgen, die zugunsten der Geldkapitaleigner
damit zwangsläufig verbunden sind.". Er schlägt deshalb zins- und tilgungsfreie Notenbankkredite an Bund und Länder vor,
um soziale und ökologische Maßnahmen ohne die volkswirtschaftlich unsinnige und unzumutbare Belastung der Haushalte von
morgen möglich zu machen.

Aus Abbildung 8 wird deutlich, wie in einer hochgradig diversifizierten Wirtschaft jeder Bereich eng mit dem anderen
verbunden ist. Kürzungen in einem Teilbereich ziehen unweigerlich Folgen in dem System als Ganzem nach sich. Wenn die
Geldvermögen und Gesamtschulden wachsen oder der Zinssatz ansteigt, so fließt denen mehr Geld zu, deren Reichtum aus Geld
besteht (Abb. 8, Kreislauf 1). Gleichzeitig steht der arbeitenden Bevölkerung weniger Geld für ihre Bedürfnisse zur Verfü
gung. Dies wiederum hat Folgen für den Arbeitsmarkt, das Steueraufkommen und die Umwelt (Abb. 8, Kreislauf 2 und 3). Eine
Volkswirtschaft, die sich höher verschuldet, um sinkende Einnahmen zu kompensieren, muß unweigerlich die "Problemkette"
verstärken. Das Neutral-Geld-System hingegen könnte sowohl das Schuldenwachstum in der Volkswirtschaft vermindern wie die
weitere Konzentration des Geldes durch den Zinsmechanismus verhindern und einen stabilen Austausch von Gütern und
Dienstleistungen auf einem freien Markt gewährleisten.

Sollte uns die Situation in den industrialisierten Ländern noch annehmbar erscheinen, so empfiehlt sich ein Blick auf die Lä
nder der dritten Welt, die am meisten unter den Auswirkungen des heutigen Systems leiden. Auf der einen Seite erhöhen die
großen amerikanischen und deutschen Banken ihre Rücklagen, um auf den finanziellen Bankrott ihrer Schuldner in den
Entwicklungsländern vorbereitet zu sein, auf der anderen Seite importieren die Industriestaaten Kapital aus den
Entwicklungsländern und nicht umgekehrt. Auch deswegen scheint die wirtschaftliche Lage bei uns noch annehmbar. Werden neue
Kredite vergeben, um alte Schulden zu tilgen, so verlängert und potenziert dies nur die internationale Schuldenkrise. Wie
dringend dieser Trend eine Änderung erfordert, wird unmißverständlich im Bericht der UN-Weltkommission für Umwelt und
Entwicklung mit dem Titel "Unsere gemeinsame Zukunft" dargelegt. Er bestätigt, daß die scheinbar voneinander unabhängigen
wirtschaftlichen und ökologischen Krisensituationen tatsächlich eine Einheit bilden.
Ökologie und Ökonomie werden - örtlich, regional, national und global - zunehmend zu einem zusammenhängenden Netz von Ursache
und Wirkung verwoben... Schulden, die sie nicht bezahlen können, zwingen die afrikanischen Nationen, deren Einkommen aus
Rohstoffexporten besteht, zur Übernutzung ihrer empfindlichen Böden und verwandeln so das Land in eine Wüste... Die
Wirtschaftsgrundlage in anderen Entwicklungsgebieten der Welt leidet in ähnlicher Weise, sowohl aufgrund örtlich begangener
Fehler, als auch durch die Funktionsweise des internationalen Wirtschaftssystems. Als Folge der 'Lateinamerikanischen
Schuldenkrise' werden die Naturschätze dieser Region nicht für deren Entwicklung eingesetzt, sondern um die finanziellen
Verbindlichkeiten ausländischer Kreditgeber zu begleichen. Solcher Umgang mit dem Schuldenproblem ist aus wirtschaftlicher,
politischer und ökologischer Sicht kurzsichtig. Von der Bevölkerung der im Verhältnis armen Länder wird verlangt, daß sie
sich mit ihrer wachsenden Armut abfindet, während gleichzeitig mehr und mehr ihre knappen Ressourcen exportiert werden.
Wachsende Ungleichheit ist das größte 'Umweltproblem' der Erde. Gleichzeitig ist es das größte 'Entwicklungsproblem'.
Nach Alfred Herrhausen, bis 1989 Vorstandsmitglied und Sprecher der Deutschen Bank, geht "die Struktur und die Größenordnung
des Problems über die traditionellen Problemlösungstechniken hinaus". Diejenigen, die für das gegenwärtige Geldsystem
verantwortlich sind, wissen, daß es keinen Bestand haben kann, aber entweder kennen sie die Alternative nicht oder sie wollen
nichts von ihr wissen. Bankfachleute, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe, gaben zu, bislang nichts von einer
Alternative zum gegenwärtigen Geldsystem gehört zu haben. Nachdem ich sie erklärt hatte, äußerten sie nicht selten das Gefü
hl, daß sie ihre Arbeitsplätze gefährdeten, wenn sie öffentlich darüber sprechen würden.

Eine Erklärung für die Furcht vor der Weiterverbreitung dieses Wissens in Bankkreisen geht aus Abbildung 9 hervor. Im
Zeitraum zwischen 1950 und 1985 wuchs das Bruttosozialprodukt in der Bundesrepublik um das 18fache, die Schulden um das 51
fache und Banktransaktionen um das 83fache. Das heißt, den Banken ist ein unverhältnismäßig großer Anteil des
wirtschaftlichen Wachstums zugeflossen. Dies beruht sowohl auf Geschäften mit schwankenden Zinssätzen, wie auch auf dem
zunehmenden Umfang der Spekulation mit Geld und Devisen, der Brokergebühren in die Höhe schießen ließ. Es erklärt auch den
Unterschied im Wachstum zu den Arbeitseinkommen, die zweimal langsamer als Sachvermögen wachsen, während diese wiederum
dreimal langsamer als Geldvermögen wachsen.
Solange die Banken die Langzeitentwicklung nicht in ihren Planungen mitbetrachten, werden Sie kein Interesse an einer
öffentlichen Diskussion über die Funktionsweise des heutigen Geld- und Zinssystems haben. Im Moment verschleiern sie eher das
Problem. Abbildung 10 zeigt einige Beispiele für die übliche irreführende Werbung, die Banken in Zeitungen und Zeitschriften
rund um die Welt veröffentlichen. Geld soll "wachsen", so sagen sie. Noch öfter beeindrucken sie die Leute mit der
Vorstellung, daß das Geld für sie "arbeiten" könnte. Aber wer hat Geld jemals wachsen oder arbeiten sehen? Wird Arbeit nicht
immer von Menschen verrichtet, ob mit oder ohne Maschinen?
Diese Werbung verbirgt die Tatsache, daß jede Mark oder jeder Dollar, den jemand für seine Bankeinlagen erhält, zuvor
erarbeitet werden mußte, um dann dem zuzufließen, der mehr Geld hat als er braucht. Mit anderen Worten: Menschen, die ihre
Arbeitskraft verkaufen, werden in dem Maße ärmer, wie sich Erträge aus Geldvermögen vergrößern. Das, was die große Mehrheit
der Bevölkerung selbst an Zinsen bekommt, hat sie bereits zuvor selbst erarbeitet (s. Abb. 4). Darin liegt das gesamte
Geheimnis des "arbeitenden" Geldes, und die Banken wollen diese Art der Betrachtung nur zu gern bedeckt halten.

Nach meiner Erfahrung fürchten sich gerade diejenigen, die sich aufgrund ihrer Ausbildung dieses Problems und seiner Lösung
bewußt sein sollten, damit meine ich die Wirtschaftswissenschaftler in aller Welt, als "Radikale" gebrandmarkt zu werden. Wü
rden sie sich wirklich für zinsfreies Geld einsetzen, so würden Sie einem der dringendsten wirtschaftlichen Probleme der Welt
tatsächlich an die Wurzel (=radix) gehen. Stattdessen wird Gesell und sein Konzept einer "Natürlichen Wirtschaftsordnung" in
den Wirtschaftwissenschaften lediglich als einer der vielen historischen Versuche, eine Reform zu bewirken, abgehandelt.
Einige der großen Persönlichkeiten unseres Jahrhunderts, wie Albert Einstein und John Maynard Keynes, sahen jedoch die
Bedeutung der Vorschläge Gesells für eine Geldreform. Keynes äußerte bereits 1936 die Meinung, daß "die Zukunft mehr vom
Geiste Gesells, als dem von Marx lernen werde". Doch hat diese Zukunft bisher nicht begonnen. Obwohl Bankfachleute und
Wirtschaftswissenschaftler nicht übermäßig weitsichtig sein müssen, um zu erkennen, daß eine Nutzungsgebühr im Geldsystem die
Lösung des zentralen Dilemmas ermöglichen würde, mit dem sie sich seit Jahrzehnten abmühen, erfinden sie immer kompliziertere
Wege, mit den Symptomen der Krankheit umzugehen. Der Wirtschaftshistoriker John L. King schreibt über die Bedeutung der
Arbeit von Ökonomen:
"Ihre Zahlenspielereien und ihre computerisierten Formeln haben sich als extrem irrelevant erwiesen, und entsprechend berühmt
sind die Fehler in ihren Vorhersagen. Es ist, als hätten wir diese Leute mit ihrer Ausbildung der Denkfähigkeit beraubt."
Die wenigen Wirtschaftswissenschaftler, die die Gefahr begreifen wie Batra und King, versuchen im wesentlichen,
Ratschläge zu erteilen, wie man sich vor den Folgen des nächsten großen Zusammenbruchs schützen kann. Eine Alternative zum
gegenwärtigen System bieten sie nicht an.

DIE REICHEN

Eine der kritischen Fragen, die stets von Leuten gestellt wird, die die Wirksamkeit des versteckten Umverteilungsmechanismus
im heutigen Geldsystem verstanden haben, ist: Werden jene 10% der Bevölkerung, für die dieser Mechanismus gegenwärtig von
Vorteil ist und die an wesentlichen Schalthebeln der Macht sitzen, es zulassen, daß das Geldsystem geändert wird, da sie dann
nicht mehr die Möglichkeit hätten, von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung ein arbeitsfreies Einkommen zu beziehen?
Die historische Antwort lautet: Natürlich nicht - solange sie nicht von denen gezwungen werden, die bisher zahlen, werden sie
den Ast, auf dem sie sitzen, nicht absägen. Die Antwort des neuen Zeitalters könnte anders lauten: Wenn sich diejenigen, die
heute davon profitieren, der Tatsache bewußt werden, daß der Ast, auf dem Sie sitzen, an einem kranken Baum wächst, und daß
es einen gesunden Baum gibt, der nicht früher oder später zusammenbricht, könnte ein gesunder Selbsterhaltungstrieb sie dazu
bringen, den Baum zu wechseln. Letzteres würde gesellschaftliche Evolution bedeuten - ein "weicher Weg"; ersteres hingegen
gesellschaftliche Revolution - der "harte Weg".
Der evolutionäre Weg gäbe den Reichen die Möglichkeit, ihr Geld zu behalten, das sie bisher durch Zinsen gewonnen haben. Der
revolutionäre Weg wird unweigerlich zu fühlbaren Verlusten führen. Der erste würde auch nicht dazu führen können, daß sie
wegen ihres Gewinns aus Zinsen angeklagt werden, weil ihr Verhalten gegenwärtig - und das solange, bis wir das neue
Geldsystem einführen - völlig rechtens ist. Der zweite Weg der gesellschaftlichen Revolution könnte schmerzvoll sein. Der
evolutionäre Weg bedeutet, daß es kein arbeitsfreies Einkommen mehr gibt, dafür aber ein stabiles Geld, niedrige Preise und
möglicherweise geringere Steuern. Der revolutionäre Weg bedeutet wachsende Unsicherheit, Instabilität, höhere Inflation, hö
here Preise und höhere Steuern, was uns die Entwicklung in der Dritten Welt täglich vor Augen führt.
Nach meinen Erfahrungen mit Menschen, die der letzten 10%-Kategorie angehören, sind sie sich weder bewußt, wie das Zinssystem
wirklich funktioniert, noch, daß es eine praktische Alternative gibt. Mit wenigen Ausnahmen würden Sie sich eher für
Stabilität als für mehr Geld entscheiden, da sie meistens genug für sich selbst und ihre Nachkommen haben.
Die zweite Frage lautet: Was geschieht, wenn diese Leute ihr Geld in andere Länder transferieren, wo sie weiterhin Zinsen
erhalten, statt es auf ihrem Sparkonto zu belassen, wo es zwar seinen Wert behält, jedoch keine Zinsen einbringt?
Das ließe sich im Anfang einer solchen Umstellung wahrscheinlich nur durch politische, rechtliche und wirtschaftliche
Sanktionen verhindern, könnte aber sehr kurze Zeit nach Einführung der Reform ins Gegenteil umschlagen. Der Unterschied
zwischen dem, was durch Zinsen nach Abzug der Inflation verdient würde, könnte dann ungefähr dem entsprechen, was sich als
Wertsteigerung des neuen Geldes, das nicht der Inflation unterliegt, im eigenen Land ergibt. Möglicherweise liegt die Gefahr
genau andersherum, daß sich das Land, welches sich zu einer Geld-, Boden- und Steuerreform entschließt, zu einer "Super-
Schweiz" mit einer stabilen Währung bei einem ökologischen Wirtschaftsboom entwickelt. In der Vergangenheit zahlten
Geldanleger in der Schweiz zeitweilig sogar dafür, daß sie ihr Geld auf einem Bankkonto ohne Zinserträge liegen lassen
durften.
Im Gegensatz dazu zog in den U.S.A. die Hochzinspolitik zu Beginn der Reagan-Aera solch einen Überfluß von Geld aus aller
Welt an, daß nur über eine zunehmende Inflation und drastische Abwertung den Verpflichtungen der ausländischen Kreditgeber
nachzukommen war. Bei einem Zinssatz von 15%, was ein gängiger Zinssatz zu Beginn dieser Hochzinsphase war, hätten die U.S.A.
bereits nach 5 Jahren ungefähr das Doppelte des geliehenen Betrages an ihre ausländischen Investoren zurückzahlen müssen.
Beim ursprünglichen Wert des Dollars wäre das niemals möglich gewesen. Als weitere Folge dieser Politik wurden die USA
innerhalb von 8 Jahren zur größten Schuldnernation der Welt.
Eine gewaltige Menge von spekulativem Geld - sie wird auf etwa 500 Milliarden Dollar geschätzt - zirkuliert rund um die Welt,
von einen Finanzzentrum zum anderen, auf der Suche nach gewinnbringenden Anlagemöglichkeiten. Das zeigt, daß nicht Knappheit
an Geld unser Problem ist, sondern daß es an "vernünftigen" Investitionsmöglichkeiten im gegenwärtigen Geldsystem mangelt.
Mit Einführung eines zinsfreien Geldes in einer Region oder in einem Land würde an einem Beispiel sichtbar, wie schnell
soziale und ökologische Projekte umsetzbar werden, die sich im Vergleich zur zinsschaffenden Kraft des Geldes heute "nicht
rechnen", und schließlich eine stabile und sehr vielfältige Wirtschaft entstehen kann. Wahrscheinlich würde überschüssiges
Geld aus dem Ausland und Inland hier investiert, weil statt der Zinsen Gewinne gemacht werden und keine Inflation diese schm
älert.
Aus diesem Grund ist es für reiche Menschen letztlich sinnvoller, eine rechtzeitige Geldreform und ein dauerhaftes System zu
unterstützen, als durch wachsende Instabilität des jetzigen Systems den unausweichlichen Zusammenbruch zu riskieren.
Eine dritte Frage betrifft jene, die von ihrem Kapital leben, aber zu alt sind, um zu arbeiten. Was wird mit ihnen geschehen,
falls es keine Zinsen mehr gibt?
Es läßt sich nachweisen, daß jeder, der gegenwärtig von seinen Zinsen leben kann, während seiner Lebenszeit von seinen
Ersparnissen leben kann, wenn ein zinsfreies Geldsystem eingeführt wird. Nur wird damit das Kapital aufgezehrt.
Wer 1 Million DM besitzt, gehört bereits zu den reichsten 4 % der Bevölkerung. Aber einige Menschen in dieser Gruppe
verdienen weit mehr als 1 Million DM an Zinsen täglich. Offiziellen Quellen zufolge betrug das tägliche Einkommen der
reichsten Frau der Welt, der englischen Königin, 1985 ca. 700 000 Pfund (ungefähr 2 Millionen DM). Der Sultan von
Brunei, der reichste Mann der Welt, mit einem Vermögen von 25 Milliarden Dollar, hat ein stündliches Einkommen aus Zinsen
und Dividenden von einer Viertelmillion Dollar. Firmen wie Siemens, Daimler-Benz und Krupp werden von der deutschen
Presse als große Banken mit einer kleinen Produktionsfassade bezeichnet, weil sie aus Geldvermögen wesentlich mehr verdienen
als aus Produktionsbetrieben. Obwohl weder die englische Königin noch Firmen wie Siemens, Daimler-Benz oder General Motors
offiziell politische Machtpositionen innehaben, wirkt sich ihr Eigentum an Geld doch tatsächlich als inoffizielle Macht aus.
Skandale über Zahlungen führender Firmen an politische Parteien in Westdeutschland, in U.S.A. oder anderen westlichen Ländern
zeigen, wie Demokratien gefährdet werden, wenn der beschriebene Umverteilungsmechanismus des Geldes weiterhin zugelassen
wird.
Zwar glauben wir, in einer Demokratie zu leben, aber dies ist bestenfalls noch eine Oligarchie und wird im schlimmsten Fall
in ein faschistisches Regime münden, da die Macht des Geldes in den Händen von immer weniger Menschen keiner politischen
Kontrolle untersteht.
Im Mittelalter dachten die Menschen, daß es ihnen schlecht gehe, wenn sie den Zehnten, also ein Zehntel ihres Einkommens oder
ihrer Erzeugnisse, an den Feudalherrn abliefern mußten. Heute entfallen mehr als ein Drittel im Preis der Güter und
Dienstleistungen auf den Kapitaldienst für die Geldbesitzer. Daß es den meisten trotzdem wirtschaftlich besser geht als im
Mittelalter, haben wir der industriellen Revolution, zunehmender Automatisierung der Wirtschaft, einem ungeheuer großen
Raubbau an den Rohstoffvorkommen dieser Welt zu verdanken. Erst durch das Verständnis des Umverteilungsmechanismus im
Geldsystem wird jedoch klar, warum wir immer noch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
Es erhebt sich somit die Frage, ob wir endlich bereit sind, die Gefahren der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit und des ö
kologischen Kollapses, die durch das jetzige Geldsystem verursacht werden, zu begreifen und dies zu verändern, oder ob wir
warten wollen, bis ein weltweiter ökologischer oder ökonomischer Zusammenbruch, ein Krieg oder eine gesellschaftliche
Revolution stattfindet. Daß Einzelne oder kleine Gruppen von sich aus das Geldsystem ändern können, ist wenig wahrscheinlich.
Wir müssen daher versuchen, eine breite Information der Bevölkerung zu erreichen und diejenigen, die das Wissen haben, was
verändert werden muß, zusammenzubringen mit jenen, die die Macht haben, politische Veränderungen zu bewirken. Dabei ist zu
beachten, daß niemand angeklagt werden kann, der heute von dem Zinssystem profitiert, weil das bisher völlig legal ist: was
bewirkt werden kann, ist, daß die Ungerechtigkeit des Systems aufhört.

DIE ARMEN

Im statistischen Durchschnitt besaß jeder Haushalt in Westdeutschland 1986 ein privates Geldvermögen von etwa 90 000 DM. Das
würde auf das Beste unseren Wohlstand beweisen, wenn es auch nur annähernd gleichmäßig verteilt wäre. Jedoch stehen wir vor
der unangenehmen Wahrheit, daß, wie Abbildung 11 zeigt, die eine Hälfte der Bevölkerung zusammen nur 4% des gesamten
Reichtums besitzt, die andere aber 96%. Und dabei wächst der Reichtum von 10% der Bevölkerung kontinuierlich auf Kosten aller
übrigen.
Das erklärt beispielsweise, warum Familien der unteren Mittelklasse in der BRD zunehmend finanzielle Unterstützung durch
soziale Wohlfahrtseinrichtungen beantragen müssen. Arbeitslosigkeit und Armut wachsen, obwohl ein dichtes "soziales Netz"
errichtet wurde, um beides zu überwinden.

Der größte Anteil bei der Umverteilung von Reichtum entfällt auf den Zins, der jeden Tag 500 bis 600 Millionen DM von den
Arbeitenden auf die Kapitalbesitzer überträgt. Obwohl sozial orientierte Regierungen das sich daraus ergebende
Ungleichgewicht durch Besteuerung auszugleichen versuchen, führt das nirgends auch nur annähernd zu einem Ausgleich. Zusä
tzlich treffen die Kosten einer wachsenden Sozial-Bürokratie jeden in Form wachsender Steuern. Dabei werden selten die
menschlichen Kosten von Zeit und Energie, nicht zuletzt die der Demütigung in der Auseinandersetzung mit der Bürokratie, mit
in die Rechnung einbezogen.

Die Absurdität eines Geldsystems, das die Menschen zunächst ihres gerechten Anteils an der Wirtschaft beraubt, um ihnen dann
- in einem unglaublich ineffizienten Verfahren - einen Teil dieses Geldes durch Zahlungen im Wohlfahrtssystem wieder zurü
ckzugeben, wurde kaum jemals von Experten untersucht, noch öffentlich diskutiert. Solange jene 80% der Bevölkerung, die stä
ndig bezahlen, nicht begreifen, auf welche Weise sie das tun, wie könnte es auch anders werden?

Einer der wichtigsten Beweise für die Vorreiterfunktion des Zinses in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung stellt
Abbildung 12 dar. Der Vergleich von steigenden Zinssätzen und einer steigenden Zahl von Pleiten in Handel und Industrie und
ebenso der steigenden Arbeitslosenzahl, die mit einem Zeitverzug von ungefähr zwei Jahren folgt, ergibt einen eindeutigen
Beweis für die Vorreiterfunktion, d.h. die Bedeutung des Zinses im wirtschaftlichen Geschehen und ein weiteres zwingendes
Argument für die Einführung eines zinsfreien Geldes. Wiederum sind in dieser Statistik nicht die zusätzlichen sozialen Kosten
von Alkoholismus, zerrütteten Familien und zunehmender Kriminalität erfaßt. Auch sie könnten durch die Geldreform höchst
wirkungsvoll vermindert werden.
Abbildung 13 veranschaulicht das Dilemma der Länder der dritten Welt, wo wir unsere eigene Situation wie durch ein Vergröß
erungsglas sehen. Die wesentlich krassere Situation wird durch den gleichen Strukturfehler im Geldsystem verursacht. Im
Unterschied zu den industriell entwickelten Länder, die als Ganzes gewinnen, zahlen jedoch die unterentwickelten Länder
drauf. Wir erhalten jeden Tag 200 Millionen Dollar an Zinszahlungen aus den Ländern der Dritten Welt; diese Menge ist doppelt
so groß wie die "Entwicklungshilfe", die wir ihnen gewähren, wovon ein Drittel lediglich zur Deckung der Zinsen früherer
Kredite gewährt wird. Das, was Wohlfahrtsorganisationen jedes Jahr mit viel Aufwand bei uns zusammenbetteln, reicht der
Dritten Welt gerade, um den Zinsverpflichtungen für dreieinhalb Tage nachzukommen.
1989 betrug die offizielle Gesamtschuldenlast Brasiliens 115 Milliarden Dollar. Diese Summe wird von den Zinszahlungen und
Amortisationen der letzten 16 Jahre in Höhe von 176 Milliarden Dollar bei weitem übertroffen. D.h., die Schulden sind bereits
bezahlt. Wenn wir dies nicht anerkennen, gibt es keine Hoffnung, daß sich die Entwicklungsländer aus der andauernden
Krisensituation befreien können.

Wenn Krieg mit Verhungern, Tod, sozialem und individuellem Elend gleichzusetzen ist, dann
sind wir bereits mitten im "Dritten Weltkrieg". Dies ist kein offiziell erklärter Krieg. Es ist ein Krieg, der mit
Wucherzinsen, manipulierten Preisen und unfairen Handelsbedigungen geführt wird. Es ist ein Krieg, der die Menschen in
Arbeitslosigkeit, Krankheit und kriminelles Verhalten treibt. Werner Rosenberger spricht in diesem Zusammenhang von "
Systemkorruption", welche korrupte Machthaber (Mobuto, Marcos, Noriega, Ceausescu, Honnecker) in Ländern der Dritten Welt und
in sozialistischen Ländern, die ihre gewaltigen Vermögen auf sicheren Auslandskonten haben, mit den Großvermögenden aller Lä
nder, die ohne Leistung Millionen an Zinsen beziehen, verbindet. Rosenberger sagt dazu: "Das Schreckliche an der Situation
sind m.E. nicht die korrumpierten Machthaber. Sie werden, wie auch wieder die jüngste Geschichte zeigt, früher oder später
gestürzt. Das wirklich arge ist die Tatsache, daß die jeweiligen Nachfolger, die neuen Machthaber, wohl von Reformen reden,
aber keine tauglichen wirtschaftlichen Reformmodelle zur Hand haben."
Zweifellos beträgt die Zahl derjenigen, die in dem bestehenden Geldsystem am schlechtesten abschneiden, mehr als dreiviertel
der Weltbevölkerung. Kurzfristig könnte sich die Situation der Dritten Welt ändern, würden ihre Schulden ganz oder teilweise
von den Gläubigernationen und Banken erlassen. Bekanntlich wird dies von fortschrittlichen Kirchenvertretern,
Wirtschaftswissenschaftlern und Bankiers gefordert und teilweise in die Tat umgesetzt. Wird aber der grundlegende Fehler des
Geldsystems nicht eliminiert, so ist die nächste Krise bereits vorprogrammiert.

KIRCHEN UND SPIRITUELLE GRUPPEN

Im Laufe der Geschichte haben viele politische und religiöse Führer, wie Moses, Aristoteles, Jesus, Mohammed, Luther, Zwingli
und Gandhi, versucht, die soziale Ungerechtigkeit, die der kontinuierliche Bezug von Zinsen verursacht, durch entsprechende
Hinweise oder ein Verbot von Zinszahlungen zu verhindern. So steht in Moses 22,24: "Wenn du deinem Bruder, einem Armen, Geld
leihst, so sollst du ihm gegenüber nicht wie ein Wucherer handeln. Ihr dürft ihm keinen Zins auflegen." Und Aristoteles
sagte in Politik 1,3: "Der Wucherer ist mit vollstem Recht verhaßt, weil das Geld hier selbst die Quelle des Erwerbs ist und
nicht dazu gebraucht wird, wozu es erfunden ward. Denn für den Warenaustausch entstand es, der Zins aber macht aus Geld mehr
Geld. Daher auch sein Name (Geborenes). Denn die Geborenen sind den Erzeugern ähnlich. Der Zins aber ist Geld von Geld, so
daß er von allen Erwerbszweigen der Naturwidrigste ist."
Übersetzt man den griechischen Urtext wörtlich, so steht bei Lukas 6,35 "Leihet, ohne etwas dafür zu erhoffen", und das
Konzil von Nicäa im Jahr 325 nach Chr. verbot allen Klerikern das Zinsnehmen. Die Strafe bei Übertreten des Verbotes war die
sofortige Entfernung aus dem Amt. 1139 beschloß das zweite Lateranskonzil: "Wer Zins nimmt, soll aus der Kirche ausgestoßen
und nur nach strengster Buße und mit größter Vorsicht wieder aufgenommen werden. Einem Zinsnehmer, der ohne Bekehrung stirbt,
soll das christliche Begräbnis verweigert werden."
Martin Luther (1483-1546) wendete sich in mehreren Schriften leidenschaftlich gegen Wucher und Monopole: "Darum ist ein
Wucherer und Geizhals wahrlich kein rechter Mensch; er sündigt auch nicht eigentlich menschlich. Er muß ein Werwolf sein,
schlimmer noch als alle Tyrannen, Mörder und Räuber, schier so böse wie der Teufel selbst. Er sitzt nämlich nicht als ein
Feind, sondern als ein Freund und Mitbürger im Schutz und Frieden der Gemeinde und raubt und mordet dennoch greulicher als
jeder Feind und Mordbrenner. Wenn man daher die Straßenräuber, Mörder und Befehder rädert und köpft, um wieviel mehr noch
sollte man da erst alle Wucherer rädern und foltern, alle Geizhälse verjagen, verfluchen und köpfen..."
Der Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531) ging in Richtung Säkularisierung einen Schritt weiter, indem er einerseits den Zins
für ungöttlich und unchristlich erklärt, andererseits dem Staat das Recht zuerkennt, den Zinsfuß festzusetzen.
Sie alle wußten wohl um die Ursache des Problems, boten jedoch keine praktikable Lösung an, wie der Geldumlauf gesichert
werden konnte, und damit blieb der grundlegende Fehler im System bestehen. Das Zinsverbot der Päpste im europäischen
Mittelalter, auf Grund dessen Christen, die Zinsen nahmen, exkommuniziert wurden, verlagerte beispielsweise das Problem auf
die Juden, denen es erlaubt war, von Menschen anderer Religionszugehörigkeit Zinsen zu nehmen. Letztere wurden seit dieser
Zeit immer mehr zu den fahrenden Bankiers der Welt. Bereits durch das alte Testament wurde den jüdischen Gemeinden
vermittelt, daß Zinsen auf Dauer jeden sozialen Organismus zerstören. Deshalb wurde von alters her das "Jubeljahr"
akzeptiert, der Erlaß aller Zinsen und Schulden im Durchschnitt nach jeweils 7 Jahren. Sicherlich konnte damit der Schaden,
den der Zins anrichtete, begrenzt, eine dauerhafte Lösung aber nie erreicht werden.
Während die Führungsspitze der katholischen Kirche in Lateinamerika dem westlichen Modell des Kapitalismus zuneigt,
orientieren sich die Priester an der Basis eher am kommunistischen Modell. In einem zinsfreien Geldsystem könnte jetzt
die historische Chance einer Lösung liegen, die weder kapitalistisch noch kommunistisch ist, sondern über beide hinausgeht.
Sie würde in weit höherem Maße Gerechtigkeit sichern als jedes denkbare Hilfsprogramm. Sie würde eine stabile Wirtschaft erm
öglichen und die Bemühungen der Kirche um den Frieden in der Welt erheblich unterstützen.
Heutzutage fordern die Kirchen immer wieder zu Spenden auf, um die Folgen des Umverteilungsprozesses durch das Geldsystem und
die härtesten sozialen Probleme sowohl in den industriell entwickelten, als auch in den Entwicklungsländern zu lindern. Dies
ist jedoch nur ein Kurieren an den Symptomen, das den Systemfehler im Geldwesen nicht berührt.
Ein Zinsverbot besteht auch in den Islamischen Ländern. Hier zahlt man für einen Kredit keine Zinsen, stattdessen wird die
Bank, die das Geld leiht, zum Teilhaber im Geschäft - und später an den jeweiligen Gewinnen. Das mag in einigen Fällen
besser, in anderen schlechter sein als Zinszahlungen. Es ändert sich aber nichts an dem Tatbestand, daß Besitzende auf Kosten
anderer Einkommen beziehen.
Das spirituelle Wissen und die spirituellen Techniken, die sich in vielen Teilen der Welt verbreiten, weisen auf
tiefgreifende Bewußtseinsänderungen bei einer zunehmenden Zahl von Menschen hin. Ihre Arbeit für inneren Wandel legt die
Basis für äußeren Wandel, in dem die friedliche Transformation des Geldsystems ein wichtiger Aspekt ist. Deshalb liegt eine
große Verantwortung bei all jenen, die sich humanitären Zielen verpflichtet fühlen, die praktischen Möglichkeiten durch eine
Geldreform genauer zu erkennen, als das bisher der Fall war.

HANDEL UND INDUSTRIE

Die Preise von Waren und Dienstleistungen in einer zins- und inflationsfreien Wirtschaft würden, genau wie heute in
kapitalistischen Gesellschaftssystemen, durch Angebot und Nachfrage reguliert werden. Was sich jedoch verändern würde, ist
die Verzerrung des "freien Marktes" durch den Zins. Durchschnittlich trägt in Westdeutschland jeder industrielle Arbeitsplatz
eine Schuldenlast von 70 - 80 Tausend DM. Das heißt, 23% der mittleren Arbeitskosten sind allein für Zinsen aufzubringen. Was das bedeutet, zeigt Abbildung 14. Zu den Zinsen auf geborgtes Kapital müssen weiterhin die Zinsen auf das Eigenkapital
der Firma hinzugefügt werden. Beide orientieren sich am Zinssatz des Kapitalmarktes. Hierin liegt der Grund, daß Schulden
ungefähr zwei- bis dreimal schneller als die wirtschaftliche Produktivität eines Landes steigen (siehe auch Abb. 5). Die
Bedingungen verschlechtern sich zunehmend für jene, die ein Unternehmen gründen wollen und für die arbeitende Bevölkerung.

Gegenwärtig beobachten wir eine steigende Konzentration in allen industriellen Bereichen. Kleine Geschäfte und
Industriefirmen werden von größeren aufgekauft und größere wiederum von noch größeren, bis eines Tages in der sogenannten "
freien Marktwirtschaft" nahezu jeder für einen multinationalen Konzern arbeitet. Diese Entwicklung wird durch größere Stü
ckzahlen, niedrigere Preise und damit größere Konkurrenzfähigkeit und von dem Geld, was große Unternehmen auf dem
Kapitalmarkt verdienen, beschleunigt.

Wollen sich dagegen kleine und mittlere Firmen vergrößern - müssen sie sich gewöhnlich Geld borgen und belasten sich somit
durch Zinsen. Sie können weder in Bezug auf die Menge noch Kapitalerträge konkurrieren.
Bis zum heutigen Zeitpunkt hängt unsere Wirtschaft vom Kapital ab. Dazu sagte der westdeutsche Industrielle H. M. Schleyer
einmal treffend: "Kapital muß bedient werden!" Mit der neuen Geldordnung, d.h. Neutralem Geld, wird Kapital so beschaffen
sein, daß es den Bedürfnissen der Wirtschaft dient. Will es Verluste vermeiden, so muß es sich selbst anbieten. Also muß es
uns dienen!

DIE LANDWIRTSCHAFT

Die Landwirtschaft ist zwar heute eine Industrie. Sie muß aber langfristig noch immer auf ökologischen Prinzipien aufbauen.
Ökologische Vorgänge folgen der qualitativen Wachstumskurve (Abb. la). Hingegen muß die industrielle Entwicklung dem
quantitativen Wachstum von Zins und Zinseszins folgen (Abb. 1c). Da die Natur nicht im gleichen Maße wie das Kapital wachsen
kann, Kapital aber noch "bedient" werden muß, ergibt sich ein Zwang zur wachsenden Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in
der Landwirtschaft, welcher zur Bedrohung für unser Überleben geworden ist.
In der ersten Phase der Industrialisierung der Landwirtschaft kauften die Bauern zunehmend größere Maschinen. Größere
Landwirte kauften dann kleinere Höfe, die sich Maschinen nicht leisten konnten und vergrößerten so ihre Betriebe noch weiter.
Zu diesem Zweck erhielten sie zusätzlich staatliche Subventionen und Steuererleichterungen, mußten aber häufig auch Kredite
aufnehmen. Um diese abzuzahlen, wird das mögliche aus Boden, Pflanzen und Tieren herausgeholt. Die Folgen des Raubbaus sind:
fruchtbare Böden trocknen aus und werden hart und verdichtet; Wasservorräte verschmutzen; 50% der Artenvielfalt ging
verloren; viele Produkte werden überproduziert und können nur mit staatlichen Subventionen verkauft werden; der Einsatz von
geschmacksarmen Hybridkulturen stieg rapide an, ebenso wie die totale Abhängigkeit von Ölimpörten für Transport, Kunstdünger,
Insektizide, Pestizide usw.; Regenwälder werden vernichtet, um Rohstoffe für Verpackungssmaterialien zu gewinnen für die
langen Transporte zwischen den Stätten der Produktion, der Lagerung, der Weiterverarbeitung, des Verkaufs und des
Endverbrauchs.
Obwohl das Zinsproblem nur als ein Faktor unter anderen zu dieser Entwicklung beiträgt, kann die Einführung des zinsfreien
Geldes von besonderer Bedeutung für den zum Überleben wichtigen Bereich der Landwirtschaft sein. Durch zinsfreie Kredite in
Kombination mit einer Boden- und Steuerreform, die den Boden erschwinglich und die Vergiftung des Bodens und Wassers teuer
machen würden, wäre es endlich möglich, eine flächendeckende Umstellung von der hochindustrialisierten Intensivlandwirtschaft
auf eine biologische Anbauweise durchzuführen. Werden zusätzlich neue Technologien für eine dauerhafte Landwirtschaft und
Kultur erforscht und unterstützt, so würde sich daraus möglicherweise ein Lebensstil entwickeln, der die Verbindung Stadt und
Land, von Arbeit und Muße, Hand- und Kopfarbeit, "high and low technology" zuläßt. Auf diese Weise könnte dem Einzelnen,
der Landwirtschaft und der Gesellschaft eine ganzheitliche Entwicklung ermöglicht werden.

DIE ÖKOLOGIE UNSERES PLANETEN

Wenn wir unser Wirtschaftswachstum an der Zunahme des Bruttosozialproduktes messen, dann vergessen wir gewöhnlich, daß sich
diese Zunahme jedes Jahr auf einen größeren Betrag bezieht. So ist ein 2,5%iges Wachstum heute tatsächlich viermal soviel,
wie in den 50'er Jahren. Es ist leicht verständlich, warum Industrielle und Gewerkschaften regelmäßig wiederkehrend Maßnahmen
fordern, die das Wirtschaftswachstum weiter anheizen: In Phasen sinkender Wachtumsraten wird die Diskrepanz zwischen
Einkommen aus Kapital und Einkommen aus Arbeit verschärft, bzw. die Umverteilung von Einkommen aus Arbeit zum Kapital hin
wird fühlbarer. Und das bedeutet sowohl wachsende soziale Probleme als auch wirtschaftliche und politische Spannungen.
Andererseits erschöpfen sich die natürlichen Ressourcen durch kontinuierliches Wirtschaftswachstum. Daher haben wir im
gegenwärtigen Geldsystem nur die Wahl zwischen ökologischem und ökonomischem Zusammenbruch. Zusätzlich wird die Konzentration
von Geld in den Händen von immer weniger Menschen und großen multinationalen Konzernen zu einem anhaltenden Bedarf an Groß
investitionen führen, wie z.B. dem Bau von Atomkraftwerken, überdimensionalen Staudämmen (wie in Brasilien) und Waffen für
Kriegsgebiete.
Nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten war das jahrelange politisch widersprüchliche Verhalten der USA und der europä
ischen Staaten, die auf der einen Seite immer größere und bessere Waffen gegen Rußland installierten und auf der anderen
Seite den Export von Butter, Weizen und technologischem Wissen nach Rußland gestatteten, wirtschaftlich durchaus sinnvoll.
Der militärische Sektor war ein Bereich, in dem sich die Sättigungsgrenze unbegrenzt hinausschieben ließ, solange der "Feind"
in gleichem Maße fähig war, schnellere und größere Waffen zu entwickeln. Zudem bezifferten sich Profite im militärischen
Sektor weit höher als in irgendeinem Bereich der zivilen Wirtschaft. Die Einsicht, daß ein Weltkrieg heute von niemandem mehr
gewonnen werden kann, scheint sich nun langsam in Ost und West durchzusetzen. Ob die freiwerdenden Mittel ökologisch sinnvoll
eingesetzt werden, ist die nächste Überlebensfrage. Das Vordrängen der Banken und multinationalen Konzerne in die Ostblocklä
nder seit der umwälzenden Entwicklung im Herbst und Winter 1989/90 scheint eher darauf hinzuweisen, daß hier eine Chance
gesehen wird, durch weitere wirtschaftliche Expansion die fundamentale Lösung der sozialen und ökologischen Probleme im
Westen noch einmal aufschieben zu können.
Solange sich jede Investition mit den Zinserträgen auf dem Geldmarkt messen lassen muß, werden die meisten ökologischen
Investitionen, die auf dauerhafte Systeme ausgerichtet sind, nur schwer im gebotenen größeren Maßstab zu verwirklichen sein.
Heutzutage einen Kredit für ökologische Investitionen aufzunehmen, bedeutet gewöhnlich wirtschaftlichen Verlust. Würde der
Zins entfallen, könnten sich ökologische Investitionen oft selbst tragen - und das wäre für viele Menschen durchaus
akzeptabel - obwohl der Unterschied zu Gewinnen in anderen Anlagen (z.B. in der Waffenproduktion) bestehen bliebe.
Betrachten wir z.B. die Investition in einen Sonnenkollektor zur Warmwasseraufbereitung. Wären dabei wie üblich nur 2%
Rendite auf unser Geld zu erwarten, während unser Spargeld auf der Bank eine Rendite von 7% einbringen würde, so wäre diese
Investition unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht ratsam. Andererseits wäre diese Technologie zur Reduktion
des Energieverbrauchs und der Luftschadstoffe langfristig volkswirtschaftlich und ökologisch durchaus sinnvoll. Mit Neutralem
Geld wäre diese Investition wie zahlreiche andere zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der biologischen Lebensgrundlagen m
öglich, weil das eingesetzte Kapital nur mit einem stabilen Geldwert konkurrieren muß. Für viele Menschen wäre es
ausreichend, wenn sie durch die Finanzierung von Umweltschutzmaßnahmen und die Einführung ökologischer Technologien
wenigstens nichts verlieren würden.
Wo Zinszahlungen entfallen, wäre es allgemein nicht mehr notwendig, auf Kapital eine hohe Rendite zu erwirtschaften, wodurch
sich der Zwang zu Überproduktion und Konsum vermindern würde. Das heißt, das Wirtschaftsvolumen könnte sich leichter dem
wirklichen Bedarf anpassen. Die Preise könnten durchschnittlich um 30%-50% gesenkt werden, den Anteil, den jetzt die Zinsen
kosten. Theoretisch brauchten die Menschen, die nicht von Kapitalerträgen leben, und das sind über 90% der Menschen in der
Bundesrepublik, nur noch zwei Drittel oder die Hälfte der Zeit zu arbeiten, um den jetzigen Lebensstandard zu erhalten.

KÜNSTLER

Wie Dieter Suhr in seinem Buch "Geld ohne Mehrwert - Entlastung der Marktwirtschaft von monetären Transaktionskosten"
beschreibt, würde sich in einer Gesellschaft mit Neutralem Geld quantitatives Wachstum wahrscheinlich sehr bald in
qualitatives Wachstum wandeln. Hätten Menschen die Wahl, ihr neues wertstabiles Geld einfach zu sparen, ohne daß es Zinsen
einbringt, oder es aber in Glas, Porzellan, Möbel, Kunsthandwerk oder ein solide gebautes Haus mit einem stabilen Wert zu
investieren, so würden sie es vermutlich häufig zur Bereicherung ihres täglichen Lebens investieren. Je größer die Nachfrage
nach dauerhafteren Gütern und Kunstwerken, umso mehr würden diese produziert. Wir dürften auf diese Weise eine völlige Verä
nderung der kulturellen Werte und Tätigkeiten erleben. Kunst und Kultur würden wirtschaftlich konkurrenzfähig, wie zur Zeit
des Brakteatengeldes im mittelalterlichen Europa (s. Kapitel 4).

FRAUEN UND KINDER

Warum haben Frauen in der Welt des Geldes sowenig Einfluß? Sowohl die Börse wie die Banken sind das Reich der Männer, und
Ausnahmen scheinen die Regel nur zu bestätigen. Aus langjähriger Erfahrung mit Frauenprojekten bin ich sicher, daß die
meisten Frauen intuitiv fühlen, daß mit diesem Geldsystem etwas nicht stimmt. Gleichwohl wissen sie - ebenso wie die meisten
Männer - nicht, was falsch ist oder was verändert werden muß.
Der langanhaltende Kampf der Frauen um Gleichberechtigung und wirtschaftliche Unabhängigkeit hat die Frauen jedoch sensibel
gemacht gegenüber Vorgängen, die wie die Spekulation mit Geld, große soziale Ungerechtigkeit erzeugen. Die meisten Frauen
wissen aus ihrer eigenen Erfahrung, daß immer irgend jemand für das arbeiten muß, was ein anderer ohne Arbeit erhält. Zu
jener Hälfte der Bevölkerung, die nur 4% des gesamten gesellschaftlichen Reichtums besitzt (Abb. 11), gehören in der Mehrheit
Frauen, weil ihre Arbeit (Hausarbeit, Kindererziehung) nicht bezahlt wird.
Seit dem Anfang der freiwirtschaftlichen Bewegung und Silvio Gesells Buch "Die natürliche Wirtschaftsordnung" ist eine
Idee lebendig, die ebenso schnell einleuchtet wie die Anpassung des Geldes an die natürlichen Wachstumskurven, und die
Tatsache, daß der Boden genauso wie Luft und Wasser allen Menschen gehört. Oft wird sie jedoch schamhaft verschwiegen oder
als zu weitgehend abgetan. Es ist die Idee, daß der Mehrwert aus dem Boden den Frauen und Kindern zukommen sollte, weil sie
dafür sorgen, daß er weiter existiert. Helmut Creutz kommt dabei zu folgendem Ergebnis:
"Faßt man beide abzuschöpfenden Größen aus dem Wertzugewinn und der Wertverzinsung des Bodens in der BRD in Höhe von jeweils
60 Mrd. zusammen, stünde also im Jahr etwa ein Betrag von 120 Mrd. für die Auszahlung als Mütter- oder Erziehergehalt bzw. f
ür den Familienlastenausgleich zur Verfügung. Der einfachste Verteilungsweg wäre der über die Zahl der Kinder bzw.
Jugendlichen. Zieht man einmal alle Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr in gleicher Höhe für die Verteilung in Betracht (1970
bei der letzten Volkszählung etwa 13,6 Mio.), dann ergäbe sich ein jährlicher Pro-Kopf-Betrag in Höhe von rund 8.800 DM und
ein monatlicher von rund 730 DM."
Durch einen "Lastenausgleich" nicht aus Steuermitteln, sondern sozusagen als Vorgriff auf das, was sie mit ihrer Arbeit der
Kindererziehung leisten (die Generation von Menschen, die den Mehrwert des Bodens erarbeiten), wird die wirtschaftliche
Grundlage für die Emanzipation von Frauen und Kindern geschaffen. (Daß auch Männer dort, wo sie die Kinder erziehen, in den
Genuß dieses Lastenausgleichs kommen, ist selbstverständlich.) Ohne wirtschaftliche Grundlage gibt es keine Freiheit. Und
doch - wie weit sind wir bisher mit dem Versuch, auch Hausarbeit und Kindererziehung zur bezahlten Arbeit zu machen,
gekommen? Kaum über die Einschätzung der Frau als Wirtschafterin hinaus - aber nur im Falle, daß sie an den Folgen eines
Unfalls stirbt - und eine Versicherung dem Mann Schadenersatz leisten muß.
Frauen und Kinder tragen überall in der Welt den überwältigenden Teil der Last, die durch das gegenwärtige Geld- und
Bodenrecht in der Form von wirtschaftlichem Chaos und sozialem Elend verursacht wird. Mit Neutralem Geld, das im Grunde ein
"technisch verbessertes Austauschmittel" ist und dem Kindergeld aus der Bodenrente würde sich ihr Los drastisch verbessern.
Da sie wissen, was Ausbeutung heißt, ist zu erwarten, daß sich viele Frauen maßgeblich für ein gerechteres Tauschmittel
einsetzen werden. Nach Einführung des neuen Systems würden sie sich voraussichtlich in viel höherem Ausmaß mit Bankgeschäften
und Investitionsfragen beschäftigen, weil sie dann statt in einem lebensverneinenden in einem lebensfördernden System tätig
wären.
Ein Geldsystem, das sich mit wachsendem Bedarf ausdehnt und mit dem Wachstum aufhört, wenn der Bedarf gedeckt ist, entspricht
unserer biologischen Erfahrung mit optimalen Wachstumsmustern (Abb. la). "Lebende Systeme" wie Pflanzen, Tiere und Menschen
und besonders Kinder, aber gehören zur "Frauenwelt", während die "Männerwelt" automatisiert, d.h. Menschen und alles was nach
eigenen Gesetzen wächst und lebt, auszuschalten sucht. Diese andere Haltung zum Leben ist wichtig, wenn wir die Kräfte
erkennen wollen, die eine Veränderung des jetzigen Geldsystems unterstützen können.
Am meisten wird den Frauen, im Hinblick auf sich selbst und ihre Kinder, daran liegen, daß statt eines weiteren revolutionä
ren Weges, der immer nur menschliches Leid verursacht hat, ein sanfterer evolutionärer Weg möglich wird.

KAPITEL 4: LERNEN AUS DER GESCHICHTE

Das Geldsystem, das wir von unseren Vorfahren geerbt haben, ist mehr als 2000 Jahre alt. Das deutsche Wort Geld deutet auf
seinen Ursprung, nämlich Gold, hin. Gold, ein im Grunde außer für Schmuck und Ornamente recht unbrauchbares Metall, wurde im
4. Jahrhundert nach Christus das bevorzugte Tauschmittel im römischen Reich. Geld war zuerst gleichbedeutend mit Münzen.
Dieses Konzept haben die U.S.A. in ihrer Verfassung übernommen. Gold- und Silbermünzen (bzw. deren hinterlegte Deckung) waren
in den USA bis 1934 das legale Zahlungsmittel. Bis heute möchten viele Menschen zum Goldstandard des Geldes zurückkehren,
weil das oberflächlich betrachtet zuerst einmal größere Sicherheit verspricht als das praktisch unbegrenzte Nachdrucken von
Papiergeld.
Als Silvio Gesell 1916 sein Buch "Die natürliche Wirtschaftsordnung" herausgab, beschäftigte er sich darin noch intensiv mit
diesem Thema. Im Gegensatz zu allen anerkannten Wirtschaftswissenschaftlern seiner Zeit versuchte er, theoretisch und
unterstützt durch viele praktische Beispiele nachzuweisen, daß der Goldstandard nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich f
ür ein gut funktionierendes Geldsystem auf der Basis von zinsfreiem Geld ist.
Heute wissen wir, daß der Goldstandard keine notwendige Vorbedingung ist, denn kein Geldsystem der Welt beruht noch auf dem
Goldstandard. Um 1930 setzte sich John Maynard Keynes, dem die Arbeit Silvio Gesells wohl vertraut war, dafür ein, daß der
Goldstandard als Hindernis für eine gut funktionierende Wirtschaft erkannt und abgeschafft wurde. Er versäumte jedoch, einen
anderen sehr wesentlichen Bestandteil miteinzuführen: Den Ersatz des Zinses durch eine Umlaufgebühr. In seinem Buch "The
Capitalistic Cost Benefit Structure of Money" zeigt Dieter Suhr, daß Keynes an diesem Punkt nicht zuende gedacht hat, und
warum dieser Fehler uns in der Vergangenheit und auch heute erneut in größte Schwierigkeiten gebracht hat.
Wie schwierig ein tieferes Verständnis der Geldproblematik wirklich ist, möchte ich nachfolgend an zwei geschichtlichen
Beispielen aufzeigen.

DAS BRAKTEATENGELD IM MITTELALTERLICHEN EUROPA

Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert wurde in Europa Geld verwendet, welches man Brakteaten nannte. Die jeweiligen Städte,
Bischöfe oder Herrscher gaben es heraus. Dabei diente es nicht nur dem Austausch von Waren und Dienstleistungen, sondern auch
als Mittel, Steuern zu erheben. Die dünnen Gold- und Silbermünzen wurden ein- bis dreimal jährlich "verrufen", d. h.
eingezogen und durch neu geprägte Münzen ersetzt. Dabei wurden sie bis zu 25% abgewertet, und dieser Teil als "Schlagschatz"
oder "Prägesteuer" einbehalten.
Natürlich wollte niemand dieses Geld behalten. Stattdessen investierte man lieber in Möbel, gut gebaute Häuser, Kunstwerke
und alles, was seinen Wert zu behalten oder sogar zu steigern versprach. In dieser Epoche entstanden einige der schönsten
sakralen und weltlichen Kunstwerke und Bauten, und wir erinnern uns bis heute an diese Zeit als einen der kulturellen Hö
hepunkte der europäischen Geschichte. "Da es nicht möglich war, Geldreichtum anzusammeln, wurde statt dessen realer Reichtum
geschaffen". Handwerker hatten eine Fünftagewoche, der "blaue Montag" wurde eingeführt, und der Lebensstandard war hoch.
Außerdem entstanden keine kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen politischen Einflußsphären. Das ist
der Grund, warum es über diese Epoche in den Geschichtsbüchern kaum Aussagen gibt. Geschichtsschreibung war und ist fast
ausschließlich die Geschichte von Kriegen und Revolutionen.
Weil es gleichzeitig der Eintreibung von Steuern diente und deshalb in regelmäßigen Abständen von seinem Wert verlor, war
dieses Geld nicht beliebt. Deshalb wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts der sogenannte "ewige Pfennig" wieder eingeführt,
ein Geld, das nicht entwertet wurde. Es gab wieder Zinsen, und in den Händen von immer weniger Leuten sammelte sich immer
mehr Reichtum an, mit allen daraus folgenden sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Die Fugger und Welser wurden immer
reicher, die anderen gerieten immer tiefer in den Schuldensumpf, vom Kaiser bis zu den Bauern. Dieses Beispiel aus der
Geschichte lehrt uns, daß Steuern getrennt und nicht zusammen mit der Umlaufgebühr des Geldes erhoben werden sollten.

DER GOLDSTANDARD IN DER WEIMARER REPUBLIK.

In der Weimarer Republik (1919-33) und nach dem Erleben der enormen Inflation 1923 wurde 1924 die neue Reichsmark eingeführt,
die zu 40% mit Gold bzw. Devisen gedeckt sein mußte. Das bedeutete die Rückkehr zum Goldstandard. Nach dem "Schwarzen
Freitag" 1929 und der dadurch ausgelösten Weltwirtschftskrise mußte die Reichsbank Teile ihrer geliehenen Goldreserven an die
U.S.A. zurückgeben. Da damit die im Umlauf befindliche Geldmenge nicht mehr ausreichend mit Gold abgesichert war, begann der
damalige Reichsbankpräsident Luther die Menge des umlaufenden Geldes langsam zu reduzieren. Die darauf folgende Verknappung
des Geldes führte zu steigenden Zinssätzen und vor allem einem deflationären Preisverfall. Als Folge verringerten sich die
Investitionsmöglichkeiten der Unternehmer, Firmen gingen bankrott, die Arbeitslosenzahlen kletterten nach oben, und es
entstand ein guter Nährboden für Radikalismus. Hitlers Aufstieg hatte politische, ökonomische und psychologische Gründe. Von
den ökonomischen Ursachen wurde die damalige Geldpolitik bisher am wenigsten beachtet. Sie hat die Massenarbeitslosigkeit
verursacht und damit eine entscheidende Voraussetzung für den Sieg der Nazis geschaffen.
Silvio Gesell hatte diese Entwicklung vorausgesehen. Bereits 1918, also kurze Zeit nach dem ersten Weltkrieg, als jeder über
Frieden sprach und viele internationale Organisationen zur Friedenssicherung gegründet wurden, schrieb Gesell den folgenden
Brief an den Herausgeber der "Zeitung am Mittag" in Berlin:
"Trotz dem heiligen Versprechen der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz dem Ruf der Millionen: 'Nie wieder
Krieg', entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich es sagen: Wenn das heutige Geldsystem die
Zinswirtschaft beibehalten wird, so wage ich, heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem
neuen, noch furchtbareren Krieg stehen werden. Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir. Der heutige Stand der Technik
läßt die Wirtschaft rasch zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch
erfolgen und durch ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird
einschrumpfen und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen.... In den unzufriedenen Massen werden wilde,
revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das
andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein."
Historisch gesehen wurde das Geld damals durch die Zentralbank verknappt und von den Bürgern - der fallenden Preise wegen -
zusätzlich gehortet. Die Auswirkungen waren fatal. Heute stehen die Leiter der Zentralbanken vor dem Problem einer zu groß
geratenen Geldmenge, da sie gehortetes Geld durch zusätzlich gedrucktes ersetzen, und damit die nächste Inflation mit ihren
schädlichen Folgen selbst vorbereiten. Sie nutzen den Zins als Steuerungsinstrument. Das ist, als wolle man den Teufel mit
dem Beelzebub austreiben.

KAPITEL 5: WIE KANN JEDER AN DER VERÄNDERUNG DES GELDSYSTEMS MITWIRKEN?

Der wichtigste Schritt ist: Informieren Sie sich und tragen Sie dazu bei, daß anderen ebenfalls bewußt wird, welche Probleme
durch unser Geldsystem entstehen und wie eine Alternative aussehen könnte.
Das größte Hindernis für die Transformation des Geldwesens liegt darin, daß so wenige Leute das Problem verstehen und noch
weniger wissen, daß es eine Lösung gibt. Jedoch scheinen mehr Menschen seit dem Oktober 1987, als in der Wall Street 1,5
Milliarden Dollar verschwanden, offene Ohren zu bekommen. Der erste Schritt in Richtung einer Veränderung sollte darin
bestehen, sich genauestens über die Funktionsweise von Zins und Zinseszins zu informieren und anschließend zu lernen, die Lö
sung mit allen sich daraus ergebenden Folgen diskutieren zu können.
Probieren Sie anfangs im Familien- und Freundeskreis, inwieweit Sie den Sachverhalt vermitteln können. Dann sollten Sie mit
Leuten darüber sprechen, die Sie weniger kennen, zögern Sie nicht, mit Ihrem Bankangestellten, Versicherungsagenten, Ihren ö
rtlichen Politikern, Journalisten und Presseleuten darüber zu reden. Viele Diskussionen mit Bankleuten und
Wirtschaftwissenschaftlern haben mich überzeugt, daß es keine wirklichen Schwierigkeiten gibt, außer den geistigen Blockaden,
die sich durch Erziehung und begrenzende Vorstellungen über die Funktionsweise des Geldes aufgebaut haben.
Machen Sie sich bewußt, daß Geld eines der zentralen Probleme im Leben vieler Menschen ist. Es ist zutiefst mit dem Bild der
Menschen von sich selbst und ihrer Beziehung zur Welt verbunden. Großzügigkeit oder Geiz, Offenheit oder Verschlossenheit, W
ärme oder Kälte spiegeln sich im Verhalten zum Geld. Es ist gewöhnlich schwierig, Geld getrennt von anderen Dingen zu
betrachten.
Zuerst müssen Sie jedoch erklären können, daß der kontinuierliche Bezug von Zinsen mathematisch nachweisbar unmöglich ist und
auf welche Weise durch Zinsen Einkommen umverteilt wird. Erst dann können Sie über die sozialen und politischen Folgen
sprechen.
Machen Sie auch klar, daß das Geldproblem aufs engste mit einer Vielzahl anderer Probleme verbunden ist, die durch eine
Reform nicht alle automatisch zu lösen sind. Die Geldreform wird nicht von selbst für die Armen, die Alten, die Kranken oder
andere sozial Bedürftige sorgen. Die Geldreform wird lediglich die Hilfe für diese Gruppen erleichtern. Das heißt aber nicht,
daß wir ohne spezielle Programme und besonderes Engagement soziale und ökologische Probleme lösen können, wie das von allzu
begeisterten und naiven Geldreform-Anhängern in der Vergangenheit machmal behauptet wurde.
Wenn Sie das Geschehen in der Welt über die Medien verfolgen, werden Sie mehr und mehr die Dringlichkeit und Machbarkeit
dieser Veränderung erkennen und gleichzeitig die Verantwortung sehen, die ein jeder, der eine Lösung kennt, für die
Verbreitung dieses Wissens trägt.

DIE FÖRDERUNG VON MODELLVERSUCHEN

Zu den wichtigsten Voraussetzungen für ein Neutrales Geldsystem gehört, daß dieses im realen Leben erprobt wird, damit wir
eine Vorstellung über die Wirkung dieser Veränderung bekommen, soll sie in größerem Maßstab durchgeführt werden.
Es wäre wünschenswert, daß Regionen oder Länder, bei denen ein Interesse an der Durchführung solcher Aktionen besteht, sich
miteinander abstimmen, um eine größere Zuverlässigkeit der Ergebnisse unter verschiedenen sozialen, kulturellen und ö
konomischen Bedingungen zu erzielen. Die Gebiete, in denen das Experiment durchgeführt werden soll, müßten von ausreichender
Größe sein, um für das ganze Land aussagekräftige Ergebnisse zu liefern. Außerdem wäre ein hoher Selbstversorgungsgrad wü
nschenswert, so daß viele der benötigten Güter und Dienstleistungen in dem Gebiet dem Handel und wirtschaftlichen Austausch
zur Verfügung stehen.
Als andere Möglichkeit käme ein strukturschwaches Gebiet in Frage, wo das Neutrale Geld ein Anreiz für die Schaffung einer
vielfältigeren und stabileren Wirtschaft bieten würde. Wahrscheinlich wäre der letztere Fall verlockender, da Regionen mit
schlechter wirtschaftlicher Situation offener für einen Wandel sind, besonders wenn die Chance besteht - wie im Falle von Wö
rgl (Kapitel 2) - dabei zu gewinnen und nichts zu verlieren. Um zuverlässige Ergebnisse zu erhalten, wäre es gut, Experimente
nicht auf die eine oder andere Situation zu beschränken. Die Vielfalt der Erfahrungen kann dann zeigen, was ein zinsfreies
Geld unter verschiedenen gesellschaftlichen Voraussetzungen bewirkt.

DIE EINFÜHRUNG EINES ÖRTLICHEN ODER REGIONALEN TAUSCHMITTELS

Von allen Versuchen, mit zinsfreiem Geld Güter und Dienstleistungen auszutauschen, ist das von Michael Linton auf der Insel
Vancouver in Kanada begonnene am bekanntesten. Das LET ("Local Employment and Trade" = Lokales Beschäftigungs- und Austausch
-) System arbeitet mit am normalen Dollar orientierten Verrechnungseinheiten, den sogenannten "grünen Dollars". Die
Tauschpartner vereinbaren selbst die Preise für Waren und Dienstleistung, die sie voneinander beziehen, in grünen oder in
normalen Dollars - manchmal auch in beiden - und geben nach jeder Transaktion ihr Soll oder ihr Haben an eine zentrale
computerisierte Kontenführung weiter. Zu Beginn wird dabei für jeden eine Obergrenze der Verschuldung festgelegt, die später
geändert werden kann, um das Risiko für alle Teilnehmer möglichst gering zu halten. Es ist klar, daß das System umso
lohnender wird, je mehr daran teilnehmen. 1987 gab es etwa ein Dutzend LET Systeme in Kanada und weitere 10 in anderen Teilen
der Welt.
Das Problem bei diesem System ist, daß Leute, die ein zu großes Guthaben ansammeln, keinen Anreiz haben, diese "
Tauschsicherheit" anderen zur Verfügung zu stellen, die vielleicht mehr brauchen als sie borgen können. Das heißt, es neigt
ohne Umlaufgebühr zur Stagnation.
In der Schweiz gibt es seit den 30er Jahren einen landesweit arbeitenden Tauschring, WIR genannt, mit 1,5 Milliarden
Schweizer Franken Umsatz, einen der wenigen erfolgreichen Versuche, Güter und Dienstleistungen zinsfrei auszutauschen, der ü
berlebt hat. Er arbeitet wie alle anderen mit Hilfe einer zentralen Kontenführung, in der Soll und Haben zentral verbucht und
kontrolliert werden. Auf kommerzieller Basis arbeiten zahlreiche, ähnliche Tauschringe in den Vereinigten Staaten.
In Dänemark und Schweden gibt es - ebenfalls seit den 30er Jahren - die JAK Banken ("Jord, Arbejde, Kapital" = Boden, Arbeit,
Kapital). Sie bieten zinsfreie Kredite nach einer gewissen Zeit des Ansparens ohne Zinsen. Da nicht alle zur selben Zeit
einen Kredit brauchen, jeder aber einen gewissen Prozentsatz angespart haben muß, um einen Kredit bekommen zu können, bietet
das System die Möglichkeit, Spargelder und Kreditwünsche der Mitglieder so zu koordinieren, daß alle, die daran teilnehmen,
von dem zinsfreien System profitieren.
Unterschiedliche Versuche mit alternativem Geld sind politisch sinnvoll, damit wir besser verstehen lernen, wie Geld
funktioniert und welchen Zwecken es zu dienen hat. Praktische Erfahrungen sind wichtig, denn sie machen Mut, Veränderungen im
notwendigen größeren Umfang durchzuführen. Keiner dieser kleineren Versuche ändert jedoch etwas an den großen weltweiten
Problemen, die das heutige Geldsystem verursacht. Deswegen darf das Ziel, Veränderungen im Geldwesen auf nationaler und
internationaler Ebene herbeizuführen, nicht aus den Augen verloren werden.

UNTERSTÜTZUNG ETHISCHER INVESTITIONEN

Als Sofortmaßnahme sollte jede(r) darauf achten, daß sie/er überschüssiges Geld in ethisch vertretbare Projekte investiert.
Mehr und mehr Menschen haben die sozialen und moralischen Auswirkungen ethischer Investitionen erkannt. Daraus ist in den U.
S.A. inzwischen ein Geschäft in der Größenordnung von einigen Milliarden Dollar geworden. Nach den Worten von Hazel Henderson
"witterte eine wachsende Menge von gewöhnlichen Menschen den Modergeruch des verrottenden Systems an ihrer Hausschwelle und
konnte nicht länger zulassen, daß ihr Geld genau dem entgegenwirkt, was sie für ihr eigenes Leben wünschen".
Ethische Investoren wählen ihre Anlagemöglichkeiten nach ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten aus. Firmen, wie die von
Robert Schwarz in New York, einem frühen Pionier sozial verträglicher Investitionen, strichen von der Liste ihrer
potentiellen Investitionen als erstes Firmen der Rüstungsindustrie, und weiterhin solche, die inhumane Arbeitsbedingungen
hatten oder notorische Umweltverschmutzer waren. Sie investierten weder in Atomkraftwerksbetreiber noch solche Firmen, die
mit repressiven Regimen wie Südafrika zusammenarbeiteten.
Umweltbewußtsein ist nicht nur lebensnotwendig, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht sinnvoll, besonders wenn aufgrund
der vorangehenden gewissenlosen Verschwendung von Ressourcen die Vorräte immer knapper werden. So hat sich die
Nuklearindustrie mit ihren Milliarden verschlingenden Folgekosten, Unfällen und Säuberungskosten für Investoren in den U.S.A
schon heute als äußerst unrentabel erwiesen. Investitionen in alternative Energien hingegen sind immer häufiger lohnend. Da
bei uns staatlich abgesicherte Monopole die EVU's (Energie-Versorgungs-Unternehmen) die Kosten und Risiken tragen, sind die
damit verbundenen Probleme weniger durchsichtig.
Ethische Investitionen sind sofort durchführbar, ganz gleich, ob wir das Geldsystem früher oder später ändern. Ein gutes
Konzept ist die ethische Investition in jedem Geldsystem.

KAPITEL 6: EVOLUTION STATT REVOLUTION

Obwohl in diesem Buch Geld-, Boden- und Steuerreformen als wichtige Aspekte einer zur Zeit stattfindenden tiefgreifenden
globalen Transformation behandelt wurden, heißt das nicht, daß diese Themen wichtiger sind als andere.
Die Funktionsweise des Geldes und die Verbindung zum Boden- und Steuerrecht in Bezug auf die Folgen für unsere Gesellschaft
werden jedoch in Analysen über den Wandel gesellschaftlicher Werte allzu häufig übersehen, obwohl es sich dabei um zentrale
Aspekte handelt. Weder die Experten noch jene, die sich mit Alternativen zum existierenden Wirtschaftssystem befassen,
scheinen diese wichtigsten Faktoren sozialer und ökologischer Probleme in ihrer Bedeutung zu würdigen.
Obwohl die in diesem Buch vorgeschlagenen Geld, Boden- und Steuerreformen nur einen kleinen Teil der für das Überleben auf
diesem Planeten notwendigen Veränderungen darstellen, passen sie doch gerade jetzt zu den Bemühungen um eine Verbesserung der
Beziehung zwischen Mensch und Natur und den Menschen untereinander. Soziale Gerechtigkeit, ökologisches Überleben und
gesellschaftliche Freiheit werden bedroht, wenn wir die Existenz von gesellschaftlichen Strukturen billigen, die in ihrer
Tendenz gegen diese Ziele arbeiten.
Von grundsätzlicher Wichtigkeit scheint mir folgende Überlegung: Um soziale Gerechtigkeit mit größtmöglicher Freiheit zu
verbinden, sollte die Spekulation mit allen zum Leben wichtigen Gütern verhindert werden. Dazu gehören nicht nur Geld und
Boden, sondern auch Energie, Nahrung, Wasser und andere Grundlagen des Lebens. Wie beim Geld-, Boden- und Steuerrecht gezeigt
wurde, ist dies möglich, ohne den freien Markt und die Eigeninitiative von Einzelnen und Gruppen als wichtigster
Voraussetzung für die gesellschaftliche Entwicklung einzuengen. Im Gegenteil, eine gesellschaftliche Entwicklung in Freiheit
für alle wird dadurch erst möglich. Spekulanten können sich weiterhin dort betätigen, wo es niemandem schadet: bei
Briefmarken, antiken Möbeln, Glas, Porzellan usw. Es gibt genügend Bereiche, die zwar wichtig, aber nicht überlebenswichtig
sind.
Der kommunistische Versuch, die Menschen von Ausbeutung zu befreien, schlug deshalb fehl, weil er zugunsten der Gleichheit
die persönliche Freiheit und den freien Markt eliminierte. Auf der anderen Seite gefährdet die kapitalistische Überbetonung
der Freiheit die soziale Gerechtigkeit, das ökologische Gleichgewicht und die Grundbedürfnisse der Mehrheit der Menschen.
Beide Systeme sind jeweils über das Ziel hinausgeschossen. Das eine setzte Gleichheit über Freiheit, das andere Freiheit über
Gleichheit. Beide haben teilweise recht, aber keines hat es bisher geschafft, die Voraussetzung für eine wirklich menschenwü
rdige Existenz für alle zu schaffen, auch wenn es nach den jüngsten Entwicklungen in kommunistischen Ländern den Anschein
hat, als hätte der Kapitalismus gesiegt.
Die vorgeschlagenen Reformen könnten die Vorteile einer freien Marktwirtschaft bieten, ohne die Nachteile des heutigen
Kapitalismus. Sie führen zur Lösung auf einer dritten Ebene, d.h. individuelle Freiheit und individuelles Wachstum können
dabei mit einer freien Marktwirtschaft und mit einem weit höheren Grad an sozialer Gerechtigkeit gekoppelt werden. Die
Reformen würden die Ausbeutung der Mehrheit von Menschen durch das Geldsystem, welches einer Minderheit Vorteile bringt,
unterbinden und zwar ohne eine ineffiziente Planwirtschaft oder eine allmächtige Bürokratie. Sie könnten die Voraussetzungen
für eine ökologische Marktwirtschaft erschaffen, in der Waren und Dienstleistungen in optimaler Menge und Vielfalt produziert
werden.
Während in den hochindustrialisierten Ländern das Ausmaß der Umverteilung des Reichtums durch Geld- und Bodenrecht aufgrund
der Ausbeutung der Entwicklungsländer nicht so offenbar ist, zahlen letztere den wirklichen Preis für die beiden Un-Rechts-
Systeme, welche die Kolonialmächte eingeführt haben und welche sie heute schlimmer ausbeuten als die ehemaligen
Kolonialherren. Obwohl die Menschen in Entwicklungsländern am meisten darunter leiden, bleibt die Hoffnung gering, daß die
notwendigen Veränderungen im Geldsystem zuerst in der dritten Welt verwirklicht werden. Die politische Macht liegt in den Hä
nden einer winzigen Elite, die sich ihre Pfründe ohne Waffengewalt kaum nehmen lassen wird.
Dagegen könnte eher die Möglichkeit für eine Änderung in den kleineren demokratischen Staaten Europas bestehen und seit
neuestem in den osteuropäischen Ländern, die sich der kommunistischen Zentraldiktatur entledigt haben. Skandinavien mit einer
großen Zahl von relativ reichen und gut ausgebildeten Menschen z.B. ist vergleichsweise offen für einen sozialen Wandel. Die
DDR, Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei suchen nach neuen Wegen, eine freie Marktwirtschaft mit größerer sozialer
Gerechtigkeit zu verbinden.
In einer öffentlichen Anhörung der UN-Weltkommission in Moskau am 11. Dezember 1986 sagte A. S. Timoschenko vom staatlichen
Rechtsinstitut der Akademie der Wissenschaften der UDSSR:
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